Die AQA wurde am 1. April vor 30 Jahren gegründet

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Eigentlich hätte es ein großer runder Geburtstag werden sollen, und Grund zum Feiern hätte nicht nur eine kreiseigene Gesellschaft gehabt, sondern mit ihr Tausende Frauen und Männer, die von ihr beruflich und privat profitiert haben: 30 Jahre gemeinnützige Gesellschaft für Ausbildung, Qualifizierung und Arbeit, besser bekannt unter dem Kürzel „AQA“. Der 1. April 1991 ist das Gründungsdatum, doch an eine öffentliche Jubiläumsfeier ist 30 Jahre später pandemiebedingt nicht zu denken.

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„Das holen wir nach“, kündigt AQA-Geschäftsführer Hans-Jürgen Scherer an, und auch er hat im Sinn, diejenigen in den Mittelpunkt des Jubiläums zu rücken, um die es in der täglichen Arbeit geht. Um Frauen und Männer, deren Lebensläufe Brüche aufweisen. Die aus unterschiedlichen privaten Gründen aus dem Raster des Arbeitsmarkts zu fallen drohen. Um diejenigen, die Ausbildungen abgebrochen haben, keinen Schulabschluss besitzen, sich höchstens von Minijob zu Minijob gehangelt haben oder in der Langzeitarbeitslosigkeit verharren. Die AQA gebe Hoffnung durch konkrete Unterstützung und Perspektiven, fasst es Scherer zusammen, seit 30 Jahren. Sie bildet junge Menschen aus, sie hilft ihnen in den Arbeitsmarkt und in ein selbstbestimmtes Leben. Sie hilft parallel dazu, private Hürden hinter sich zu lassen. 

Susanne Simmler (SPD), die Erste Kreisbeigeordnete, ist seit sieben Jahren Aufsichtsratsvorsitzende der kreiseigenen Gesellschaft. „Beim Stichwort AQA denke ich immer zuerst an Menschen. Menschen, die mit uns ein Stück der eigenen Würde wieder erlangt haben. Menschen, die am Ende einer Ausbildung, einer Weiterbildung oder eines Kurses mit stolzem Gesichtsausdruck bei der Zeugnisübergabe sind. Das sind die schönsten Momente in der Arbeit der gemeinnützigen Gesellschaft. Nach Abschluss der Ausbildung oder am Ende der Qualifizierung steht das Ergebnis, und das kann sich mehr als sehen lassen. Oftmals sind unsere Auszubildenden Jahrgangsbeste in den Innungen. Das macht die Absolventen stolz, und ehrlicherweise uns natürlich auch“, sagt Simmler. Sie verweist darauf, dass ein eigenständiges und von staatlicher Alimentierung freies Leben ganz maßgeblich von Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt abhänge: „Sind wir ehrlich: Unsere Gesellschaft definiert sich über Arbeit, über eine Anstellung, über die Möglichkeit, sich Dinge leisten zu können. Und dazu verhilft die AQA vielen Menschen – auch beim zweiten, dritten oder vierten Anlauf.“

Eine Ausbildung oder Qualifizierung bei der AQA ist kein einfacher Zeitvertreib, es wird gearbeitet, gebüffelt, zu festen Zeiten, mit festen Inhalten. Mit festen Zielen im Blick: In der Ausbildung müssen die Standards der Handwerkskammer beziehungsweise der Industrie- und Handelskammer (IHK) erfüllt werden. Die Ausbildung und die Qualifizierungen bei der AQA passen sich dabei allen Anforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarkts an, ist digitaler geworden. Orts- und zeitunabhängiges Lernen gehört längst dazu.

Alles begann mit einer Insolvenz

Die Geschichte der AQA reicht weit in die 1980er Jahre hinein mit Ursprüngen in Rothenbergen. Der Main-Kinzig-Kreis unter Landrat Hans Rüger (CDU) intervenierte seinerzeit, als mit der Insolvenz der Straßenmaschinenbaufabrik Wibau auch die Stellen von rund 50 Auszubildenden wegzufallen drohten. Durch einen Ankauf des Kreises im Jahr 1983 konnten die Jugendlichen ihre Ausbildung bis zur Prüfung innerhalb des so benannten „Berufsbildungszentrums“ (BBZ) beenden. Das BBZ erweiterte sein Engagement, öffnete sich 1989 unter anderem für Maßnahmen für Erwachsene. Nach einem Beschluss des Kreistags unter dem damaligen Landrat Karl Eyerkaufer gründete sich zum 1. ApriI 1991 schließlich eine gemeinnützige Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft: das „Berufsbildungs- und Beschäftigungszentrum“ mit der gleichen Abkürzung wie beim Vorgänger.

Das neue BBZ schaffte zusammen mit den Modellteams des Kreissozialamtes in einigen ausgewählten Kommunen die Voraussetzung der passgenauen Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt – damit nahm der Main-Kinzig-Kreis eine Vorreiterrolle ein, indem das Know-how und die Netzwerke der Kommunen und Kreise bei der Jobvermittlung stärker genutzt wurden. Erich Pipa prägte dabei den Begriff der „Neuen Wege in der Sozialpolitik“.

Gesetzliche Vorgaben machten es notwendig, dass sich die Struktur der Ausbildungs- und Qualifizierungsgesellschaft im Laufe von 30 Jahren veränderte. 2005 ging das BBZ in der „Gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung mbH“ (AQA) auf. 2010 setzte der Main-Kinzig-Kreis die Forderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales um, die Eingliederungsleistungen der Beschäftigungsgesellschaft von den Verwaltungskosten organisatorisch zu trennen; die Gründung des „Kommunalen Centers für Arbeit“ (KCA) und die Rückführung der AQA zu einer gemeinnützigen Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaft als Maßnahme-GmbH erfüllen diesen Anspruch. Seither fungiert das KCA sozusagen als Auftraggeber für den kreiseigenen Bildungsträger AQA.

Die im Gesellschaftsvertrag definierten Ziele sind bis heute unverändert geblieben. Und die Bestandteile des Namens sind Programm. Es geht um ein selbstbestimmtes Leben der Menschen durch eine gute Ausbildung und eine nachhaltige Qualifizierung. „Die Vernetzung mit der Arbeitswelt ist der dritte Pfeiler. Für uns ist es wichtig, dass die Auszubildenden am Ende direkt in eine feste, sozialversicherungspflichtige Arbeit wechseln“, so Simmler. Das gelingt bei praktisch allen Absolventen aus dem Hause AQA. Schließlich stehen das KCA und die AQA, als starkes Tandem, im engen Austausch mit den heimischen Wirtschaftsunternehmen.

Ähnliche Ziele wie bei den Auszubildenden verfolgt die AQA auch in ihrem großen Bereich der Erwachsenenbildung. Hand in Hand mit den Fallmanagerinnen und -managern des KCA sollen Langzeitarbeitslose nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert werden. Stärken fördern, Perspektiven realisieren, Persönlichkeiten fördern, so lautet das Prinzip der Kreisgesellschaft. Um berufliche Orientierung geht es, und schließlich um den Einstieg oder die Rückkehr ins Erwerbsleben. Viele tausend langzeitarbeitslose Menschen haben auf diese Weise nicht bloß einen Job gefunden, es geht um mehr: um eine Perspektive fürs Leben. Seit 2015 wird mit dem Programm „Migranten in Arbeit“ zudem ein weiterer Schwerpunkt gesetzt, es geht um die berufliche und sprachliche Orientierung für Geflüchtete.

„Im Durchschnitt sind die Männer und Frauen in unserer Ausbildung schon etwas älter als in anderen Betrieben“, verdeutlicht Geschäftsführer Scherer. Ansonsten unterscheide sich inhaltlich nichts von anderen Ausbildungen, ob nun in der Metallwerkstatt in Hanau oder den Bereichen Schreinerwerkstatt, Möbelmontage, Textilwerk, kaufmännische Ausbildung bis hin zum Fachbereich Maler und Lackierer  in Gründau: der Lehrplan und die Prüfungsinhalte sind die gleichen. 

Auch in Pandemiezeiten Bestleistungen

Den Praxisbezug erhalten die Auszubildenden in den Standorten über externe Aufträge, die gemäß einschlägigen Vorschriften ausgeführt werden dürfen. Auftraggeber sind hierbei gemeinnützige Einrichtungen. Oder die Auszubildenden absolvieren ihren praktischen Teil der Ausbildung in einem Unternehmen, kooperativ, was nicht selten die Eintrittskarte in eine Beschäftigung nach der erfolgreichen Prüfung ist. Insgesamt 150 Ausbildungsplätze in 14 unterschiedlichen Berufen bietet die AQA aktuell an, rund 60 Auszubildende sind 2020 neu aufgenommen worden, ein Drittel davon in einer solchen kooperativen Ausbildung.

In den Jahren 2020 und 2021 ist indes auch bei der AQA nicht mehr alles so, wie es mal war. Der Kampf für eine gute Ausbildung wird in Pandemiezeiten auf einem weiteren Feld geführt: alle Inhalte vermitteln, alle Bedürfnisse berücksichtigen, auf die Prüfung bestmöglich vorbereiten, aber gleichzeitig auch die vielfältigen Abstands- und Hygieneregeln beachten. „Das vergangene Jahr war eine große Herausforderung, weil wir Personal in großer Zahl dem Gesundheitsamt zur Pandemiebewältigung zur Verfügung gestellt haben. Denn die Kurse und Qualifizierungsmaßnahmen mussten ausgesetzt und unsere Werkstätten vorübergehend geschlossen werden. Auf der anderen Seite haben wir es aber geschafft, mit unseren Auszubildenden immer im Kontakt zu stehen, wenn auch oft nur digital, und sie erfolgreich durch die Abschlussprüfung zu bringen“, so Hans-Jürgen Scherer.

Im Sommer 2020 konnte die AQA 36 Frauen und Männern zur bestandenen Prüfung gratulieren. Unter ihnen befand sich die Jahrgangsbeste des Prüfungsbereichs Malerin und Lackiererin. Ein Absolvent hatte in der mündlichen Prüfung 100 Prozent richtig und schloss mit der Gesamtnote „sehr gut“ ab. Zwei von vielen herausragenden und guten Leistungen.

„Wenn man zu allen Auszubildenden noch die Absolventen der Qualifizierungsmaßnahmen hinzurechnet, kommt man auf über 6.000 Teilnehmer in Maßnahmen alleine im vergangenen Jahr“, erklärt Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, „und hinter allen steht ein privates Schicksal, eine Hoffnung, ein Wunsch nach Halt, dem die AQA nachkommt.“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AQA, rund 170 an der Zahl, sind sich bewusst, mit ihrer Arbeit ein gutes Stück Sozialarbeit zu leisten, auch wenn das in den Werkstätten und Seminarräumen in Hanau, Nidderau-Heldenbergen, Gelnhausen und Gründau-Rothenbergen ganz bewusst niemand besonders herausstellt.

Susanne Simmler hatte die politische Verantwortung für die AQA als Sozialdezernentin vom damaligen Landrat Erich Pipa übernommen, der die Gründung der Gesellschaft vorbereitet und die Anfänge und die Entwicklung hin zur AQA maßgeblich bestimmt hatte. „Die AQA ist ein wertvoller Bestandteil der Arbeitsmarktpolitik im Main-Kinzig-Kreis, unglaublich dynamisch und flexibel, topvernetzt und immer am Puls der Arbeitswelt“, fasst Simmler zusammen. Mittlerweile bietet die kreiseigene Gesellschaft 14 verschiedene Ausbildungsberufe an, vom Änderungsschneider über Koch und Tischler bis hin zum Kaufmann für Büromanagement beziehungsweise zur Kauffrau im Einzelhandel. Hinzu kommen noch mehrere verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen und Module, die sich am Ausbildungsgrad und der Lebenssituation der Menschen orientieren.

Nach wie vor sei die AQA laut Susanne Simmler „das kommunale Instrument, direkt Verantwortung zu übernehmen für das Leben der Bürgerinnen und Bürger“. „Schnell agieren können, kurze Entscheidungswege haben, direkt mit den Arbeitgebern der Region Netzwerke schaffen können, das sind Vorteile, die eine bundesweit agierende Behörde nur sehr bedingt hat“, freut sich Simmler über die Erfolge in den letzten Jahren.

Hans-Jürgen Scherer trat 2018 als Geschäftsführer die Nachfolge von Helmtrud Abs (ab 2011) und Gerhard Freund an. „Die Ausbildungsjahrgänge und Seminarteams wachsen schnell zusammen. Es ist toll zu sehen, wie hier jeder und jede die anderen mitzieht und bekräftigt. Aus dieser Gemeinschaft entwickeln sich Freundschaften, vor allem aber gemeinsame positive Erfahrungen, die über Jahre hinweg tragen. Die Quote derer, die sich noch viele Jahre nach der Ausbildung bei uns in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung befinden, liegt bei starken 80 Prozent“, zeigt sich Scherer erfreut. Das alles wäre ein Grund zu feiern, „aber das machen wir eben im Rahmen des Geburtstags 30 plus 1 im nächsten Jahr“, so Scherer.

Foto: Die Gesellschaft für Ausbildung, Qualifizierung und Arbeit, kurz AQA, wird 30 Jahre alt. Hier ein Blick in den Werkstattbereich (Bilder 240 aqa_werkstatt, aqa_werkstatt2 und aqa_werkstatt3).

Foto: Vor dem AQA-Gebäude wehen weithin sichtbar die AQA-Fahnen: hier finden Ausbildung und Qualifizierung statt.

Foto: Hans-Jürgen Scherer ist seit 2018 Geschäftsführer der AQA.

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