Ausstellung HEIMAT im Bürgerportal

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Wenn abends der Feierabendlärm zu rauschen beginnt, setzt sich Delshah Ali mit geschlossenen Augen ans offene Fenster.

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Ihre Heimatstadt Aleppo, Tausende Kilometer entfernt, scheint dann ganz nah. Joan Chantrell sucht in Gelnhausen nach den Wurzeln ihres 1938 vertriebenen Vaters Joseph Buxbaum. Als sie sie findet, spürt sie – nichts. Und doch kommt sie immer wieder. Peter Tauber lässt sich die Geodaten der Marienkirche auf den Unterarm tätowieren, sie begleiten ihn nach Berlin und in die Welt hinaus. Warum? Es sind Manifestationen von „Heimat“, die so schwer zu greifen sind, dass sich eine klare Definition des Begriffs offenbar verbietet.

Delshah Ali, Joan Chantrell und Peter Tauber zählen zu den 17 Protagonisten der Ausstellung „Heimat“, die vom 13. bis zum 27. Dezember im Bürgerportal des Main-Kinzig-Kreises zu sehen sein wird. Großformatige Fotografien des renommierten Porträtfotografen Robertino Nikolic zeigen die Menschen in ihrer persönlichen Umgebung – und an besonderen Orten, die für sie „Heimat“ ausdrücken. Begleitet werden die intensiven Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Texten von Kristina Michaelis, die das Projekt initiiert hat.

„Ich wollte dem diffusen, oft missbrauchten und im Moment fast modischen Begriff Heimat ein Gesicht und ein Leben geben“, sagt Michaelis, „am Ende wurden es viele Leben, und so facettenreich wie die Lebensläufe ist nun auch die Ausstellung geworden.“ In den ersten Monaten des Jahres zog sie mit einer langen Namensliste durch den Main-Kinzig-Kreis, um ungewöhnliche Menschen ganz unterschiedlicher Provenienz und Sozisalisation zu befragen. Vom Gelnhäuser „Original“ Will Kurz über den Expeditionsleiter und Touristikunternehmer Werner Weiglein bis zum einstigen Weltklasse-Hürdenläufer Harald Schmid, von der Tochter italienischer Gastarbeiter über Geflüchtete aus Syrien bis zur Industriellenfamilie reicht die Bandbreite der Interviewten.

„Die Ausgangsfrage `Warum seid Ihr hier? Warum bleibt Ihr?“ löste nicht nur starke Gefühle aus, sie öffnete, ohne dass ich es darauf angelegt hatte, den Blick für Brüche und Krisen, die dem Leben unerwartete Wendungen gaben. Genau dazwischen versteckte sich die Heimat, ohne dass man das Wort auch nur aussprechen musste, meist war es mehr ein Suchen als ein Finden“, berichtet Michaelis. „Ich habe daraus gelernt, dass Heimat im Wandel ist, in der Jugend etwas völlig anderes als im Alter – und ich bin dankbar, dass sich mir meine Gesprächspartner so geöffnet haben, auch mit den unschönen, aber ungleich intensiveren Seiten des Lebens.“

Mancher Charakter habe sich ihr durch die Hausbesuche erst erschlossen, wie das über und über mit Sammlerstücken angehäufte Altstadthaus von Gelnhausens Bürgermeister Daniel Glöckner, in dem Kamine und Falltüren noch den Brandgeruch des Dreißigjährigen Kriegs ausatmen. „Das erschlug einen förmlich“, erzählt Michaelis, „aber seine Erdung war mit Händen zu greifen, Glöckners Bild ist wohl eines der stimmungsvollsten der ganzen Ausstellung.“ Erster Zielpunkt des Projekts war im Sommer das von ihr organisierte Kulturfestival Sommersalon in der Weißen Villa in Gelnhausen, das in diesem Jahr das Motto „Heimat – eine Erfindung?“ trug. Ein Auszug der Fotografien wurde hier erstmals gezeigt. Gemeinsam mit den ausführlichen Porträts gingen sie in das Buch „Heimat“ ein, das Ende Juni zum Auftakt der Kulturreihe vorgestellt wurde. Dass sie mit Robertino Nikolic, der im vergangenen Jahr mit dem GoSee-Award in Gold für seine Porträtfotografie ausgezeichnet worden war, für das Projekt einen Fotografen gefunden hatte, der ein hervorragendes Auge für Momentaufnahmen, die eine Geschichte erzählen, mitbrachte, sei ein besonderer Glücksfall gewesen, ist Michaelis überzeugt. „Nicht zuletzt seine stimmungsvollen Aufnahmen haben die Ausstellung zu dem gemacht, was sie jetzt ist: ein tiefer Einblick in die Befindlichkeit von Menschen in dieser Region, der berührt, stutzig macht und bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensläufe erstaunlich viele Übereinstimmungen erkennen lässt.“ „Wir freuen uns, dass wir die Ausstellung nun im Bürgerportal einem größeren Publikum präsentieren können und hoffen, dass sie dazu anregt, sich kreativ und ganz individuell mit dem Heimat-Begriff auseinanderzusetzen, Weihnachten ist dafür ja eine anrührende Zeit, positiv wie negativ“, sagt die Initiatorin, die in Gelnhausen aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Hamburg lebt.

Dankbar ist sie auch für die großzügige Unterstützung, die dem ambitionierten Vorhaben – dem ersten dieser Art im Main-Kinzig-Kreis – zuteil geworden ist. „Der Main-Kinzig-Kreis, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und das Ministerium für Wissenschaft und Kunst haben das Projekt erst möglich gemacht“, so Michaelis, die sich durchaus vorstellen kann, die Reihe mit anderen Protagonisten fortzusetzen. Die offizielle Eröffnung mit einer Lesung aus dem Buch „Heimat“ in Anwesenheit der Interviewten findet am 13. Dezember um 18 Uhr im Bürgerportal des Main-Kinzig-Kreises, Barbarossastraße 24, in Gelnhausen statt. Wir laden Sie herzlich dazu ein!

Die Ausstellung kann während der Öffnungszeiten des Bürgerportals besucht werden (Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr, Freitag von 8 bis 14 Uhr; während der Weihnachtsfeiertage ist das Bürgerportal geschlossen; letzter Ausstellungstag ist der 27.12. von 8 bis 18 Uhr). Der Eintritt ist frei.

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