Ein Zeitzeuge, der keiner sein will

Hanau
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Mittlerweile ist Jürgen Hager in Pension, unterrichtet nur noch im „Nebenjob“ einige Stunden Mathematik an der Hohen Landesschule (HOLA) – als „eheerhaltende Maßnahme“, wie er sagt.

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Vor allem aber macht er den Schülerinnen und Schülern des Jahrganges 10 der Hohen Landesschule deutlich, dass er kein Zeitzeuge sei. So alt fühle er sich noch nicht und vor allem, die kämen mit einem Rollator. Er sei dagegen noch topfit.

Die Unzufriedenheit mit dem System wächst

Mit diesen einleitenden Sätzen begann am 6.11.2019 eines von zwei Gesprächen mit Jürgen Hager (71) über seine Erfahrungen in der DDR und über seine Flucht in den Westen. Eindrücklich schildert Hager, wie das Leben in der DDR schrittweise für ihn und seine Familie immer schwieriger wurde. Nach seinem Studium und seinen ersten Jahren in der Schule ging er zunächst zur Nationalen Volksarmee. Danach sei er in Freigericht wieder in den Schuldienst gegangen. Obwohl er als Schulleiter vorgesehen war, distanziert er sich nach und nach von dem System einer Plansollerfüllung im schulischen Bereich („Ich musste ständig als stellvertretender Schulleiter Statistiken fälschen!“) und von den ständigen ideologischen Indoktrinationsstrategien sowohl innerhalb des Kollegiums als auch gegenüber der Schülerschaft. Nach der Wende stellten die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von Hager fest, dass die gesamte Schule verwanzt war.

Hinzu kamen Schikanen, die seine Frau während ihrer Doktorarbeit ertragen musste: Ihr Doktorvater verschleppte willentlich das Verfahren, sodass aus geplanten drei Jahren fünf wurden, bis die Arbeit fertig war. In dieser Zeit häufen sich in der Familie die Vorahnungen, von unmittelbaren Bekannten oder Arbeitskollegen ausspioniert zu werden. Jahre später sollten die Hagers in ihrer 400 Seiten starken Akte nachlesen können, wer alles für die Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter tätig war.

Im Laufe der 1980er Jahre reiften dann in Hager die Fluchtgedanken. Innerhalb der Familie wurden regelrechte Fluchtstrategien beraten. Man kam zu dem Schluss: Zuerst solle die Schwiegermutter in den Westen ausreisen, dann habe man Westverwandtschaft und könne nachkommen.

Hager läuft weiter und rennt los

Hager macht sich schließlich Ende September 1989 auf nach Prag, nachdem von dort die Nachricht kam, dass man über die bundesdeutsche Botschaft ausreisen könne. Nur mit einer Plastiktüte „bewaffnet“, in der sich sein Frühstück befindet, fährt er mit dem Zug nach Tschechien rein, um kurz hinter der Grenze den DDR-Zug gegen einen tschechischen Zug zu tauschen. Hager hatte Angst, dass die Staatssicherheit ihm gleich beim Kauf der Fahrkarte auf die „Schliche“ käme. In Prag war dann guter Rat teuer: Wo liegt die Botschaft der BRD? Mithilfe einer Bekannten, die in Prag lebt, findet er in der Nacht zum 30. September 1989 die Botschaft. Sie ist umstellt von der tschechischen Miliz. Hager läuft immer weiter, auch an mutmaßlichen Staatssicherheitsbeamten vorbei. Das Portal steht gerade offen. Er rennt los, vorbei an der Miliz, durch die Tür. Etwa 4000 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt schon drin. Dementsprechend sind die hygienischen Verhältnisse: Toiletten nur für Frauen und Kinder, es gibt keine Duschen. Geschlafen wird auf Holzpaletten – möglichst nur auf dem Rücken, um keinen Nierenschaden zu erhalten.

Eigentlich will Hager nur schnell die entsprechenden Dokumente unterschreiben und wieder raus. „Wer die Botschaft wieder verließ, konnte innerhalb eines halben Jahres mit der Familie ausreisen“ – ein Angebot, das der Rechtsanwalt Wolfgang Heinrich Vogel damals den Botschaftsflüchtlingen unterbreitet hatte. Aber seine Landsleute hielten ihn davon ab. „Die wollten, dass möglichst noch eine Seuche ausbricht, damit das Rote Kreuz eingreift und alle rausholt“, sagt Hager.

Kurz darauf spricht er mit einer Botschaftsangehörigen. „Sie sagte, ich hätte keine Chance rüberzukommen.“ Hat er doch. Nur wenige Stunden nach diesem Gespräch betritt Hans-Dietrich Genscher, Außenminister der BRD, den Balkon der Botschaft. Es sind Bilder, die jeder kennt. Der wohl berühmteste unvollendete Satz der deutschen Geschichte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Dann bricht Jubel aus. Das „war die bewegendste Stunde meiner politischen Arbeit“, wird Genscher später in einem Interview sagen. Jürgen Hager sagt: „Ich hatte Glück.“ Immer wieder betont er das. „Es war Zufall.“

Um 2.30 Uhr verlässt er die Botschaft. „Ich habe gesagt, ich gehe nicht, solange ich nicht weiß, was mit meiner Familie passiert.“ Schriftlich wird den Flüchtlingen zugesichert, dass ihre Familien nach einem halben Jahr nachkommen werden. Als Hager das Gebäude verlässt, trifft er einen Bekannten, den Mann einer Freundin seiner Frau – noch so ein Zufall. „Ich habe ihm aufgetragen, meiner Frau auszurichten, dass ich schon im Westen bin.“

Der Weg dorthin führt mit dem Zug über DDR-Territorium. Auf dem Weg überfallen ihn immer mal wieder kurzzeitig Panikgefühle. „In Reichenbach warteten etwa 80 bewaffnete Stasi-Offiziere, da herrschte absolute Ruhe im Zug“, erinnert er sich. Aber die Männer kontrollieren nur die Ausweise der Flüchtlinge. Mehr nicht. Die nächste Erinnerung: „In Plauen hingen aus einem Fenster Bettlaken, auf denen stand: ,Wir kommen auch noch!‘“ Hager lacht. Ebenso schmunzelt er über die Tatsache, dass an einem Bahnhof die Zuginsassen ihre Ostmark und die tschechischen Kronen rauswarfen und das vor den Augen der NVA und einer Bahnarbeiterbrigade. Letztere sammelte das Geld unter den mürrischen Augen der Soldaten schnell auf.

Ein Schrecken mit gutem Ende

Schon anderthalb Monate später, am 14. November, kommt seine Frau Eva Maria mit den beiden Kindern an. Nach zwei blockierten Ausreiseanträgen hat es die Familie geschafft. Später erfährt das Ehepaar, wie viele Stasi-Spitzel auf die beiden angesetzt war: zehn. Darunter einige Freunde. Die Akte umfasst 400 Seiten. Die Hagers haben jede einzelne gelesen. „Das war hart.“

Er überlegt, am 14. November an den Frankfurter Hauptbahnhof zu fahren, an den Ort, an dem vor 25 Jahren seine Frau und die Kinder ankamen. „Dieses Datum und der 1. Oktober sind für uns die wichtigen Tage.“ Da gebe es auch mal einen guten Wein oder Sekt. Dokumentationen über die Wende anzuschauen, verkraftet er nur teilweise. „Irgendwann muss ich rausgehen.“ Zu mächtig sind die Erinnerungen. „Ich habe erst im Nachhinein realisiert, dass es auch anders hätte ausgehen können.“

Foto (von links): Geschichts- und Powilehrer Dr. André Griemert, Zeitzeuge Jürgen Hager, stellvertretender Schulleiter Helge Messner.

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