Offener Brief an den Förderverein für das Hanauer Militärmuseum

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Zur Austellung "Hanau in feldgrauer Zeit" äußert sich VORSPRUNG-Leser Jörg Sternberg in einem Leserbrief.

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"Im Anschluss an die Abschlussveranstaltung der Ausstellung 'Hanau in feldgrauer Zeit' hat der Förderverein Hanauer Militärgeschichte aufgerufen an den künftigen Arbeiten zur Erforschung der hiesigen Militärgeschichte -auch adressiert an die Kritiker- mitzuwirken. Aus Gesundheitsgründen wird mir das nicht häufig möglich sein. Dennoch ein paar Bemerkungen aus sehr persönlicher Sicht: Ich war bei Kriegsende 5 Jahre alt. Also, um einen Satz von Helmut Kohl zu verwenden, der gar nicht so falsch war, ich hatte die 'Gnade der späten Geburt'. Die Hölle der Bombenangriffe auf den Bahnhof von Bebra und die Tieffliegerangriffe auf unseren Zug habe ich allerdings in deutlicher Erinnerung und nie vergessen. Nur wusste ich damals nicht um die Hintergründe für solch Höllenfeuer. Es hieß nur 'der Feind'. Der Feind blieb dann auch im Deutschland Adenauers die Sowjetunion, obwohl die von mir erlebten Angriffe von englischen und amerikanischen Staffeln geflogen worden sind.

Das Feindbild lieferte uns der Unterricht von ehemaligen Nazilehrern. Etwa 85% unserer Lehrer waren Mitglieder in Naziorganisationen oder gar an Napolaschulen tätig gewesen. Als 16-jähriger bin ich auf amerikanische Soldaten, die sich am Faschingszug in Mainz beteiligt haben mit den spärlichen Kenntnissen aus dem Englischunterricht und der Parole 'against the russian' zugelaufen. Die zumeist afroamerikanischen Soldaten haben sich zu unserem Leidwesen wenig enthusiastisch gegeben ob dieses Gegröles. Immerhin. Nicht nur die Schule, sondern die ganze Atmosphäre des Kalten Kriegs und des staatsverordneten Antikommunismus bzw. der Russlandfeindlichkeit hatte unser kindlichen Gemüt vergiftet. Ich schäme mich noch heute dafür. Nie wieder sollen, so war meine späte Bekehrung durch Einarbeitung in die Geschichte der Verbrechen der Naziführer und der Naziwehrmacht, nie wieder sollen Parolen von der Ehre des Soldaten, von Heldentum und Tapferkeit vor dem Feind, von heroischen Eroberungen und selbstlosen Opfergängen die Seelen unserer Kinder und Jugend vergiften. Die Soldaten der Wehrmacht haben das Terrain erobert und gesichert, in dem gemordet und gebrandmarkt wurde, sie haben teilgenommen am Feldzug gegen andere Völker und an der Eliminierung ganzer Volksgruppen durch Sondereinheiten und Polizeitruppen. Was hat das mit Hanau zu tun? Eine Menge, auch in dieser Stadt. Auch hier saßen die willigen Helfer, die NSDAP-Organisatoren, die Oberbürgermeister, die Standortkommandanten, die Gestapo, die Manager der Rüstungskonzerne, die Sturmführer und Ausbilder von Kindern und Alten für den Volkssturm der letzten Monate. Das alles gehört ebenso mit Nennung der Namen, Aufgaben und Shandtaten von Verantwortlichen bis hin zu den Denunzianten und Blockwarts in die Geschichtsschreibung eines künftigen Militärmuseums. Aber v.a. die Namen und Geschichte der Widerständler, der Befehlsverweigerer, der Deserteure wie die der Opfer, der Deportierten, der Gefolterten und Umgebrachten. Dann hätte solch ein Museum wirklich einen Sinn, nicht nur den des Gedenkens, sondern den der Erkenntnis und der Friedenserziehung."

Jörg Sternberg
63454 Hanau

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