Es können nur die mitreden, die so etwas erlebt haben

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VORSPRUNG-Leser Klaus Holzschuh kommentiert in seinem Leserbrief die Pressekonferenz von Main-Kinzig-Kreis und Stadt Hanau zur Corona-Pandemie und die Aussage vom Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD), dass wohl der schwierigste Winter seit 1945/1946 bevorstehe (wir berichteten).

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"Da ich Zeitzeuge bin, 1937 wurde ich geboren, kann ich mich an diese Zeit sehr gut erinnern. Der Main war zugefroren. Die amerikanischen Trucks fuhren über den Main. Das sagt schon etwas über die Kälte aus. Nur wenige hatten Brennstoff in irgendeiner Form. Wir mussten, wenn möglich, Brikett mit in die Schule bringen. Die Mittelschule befand sich in einer Baracke im Hof der Gebeschussschule. Ich wohnte am  Hafen und musste vom Lamboygebiet dorthin laufen. Die mit Kohle beladenen Güterzüge durften nur ganz lanagsam über die Kinzigbrücke fahren. Die älteren Jungs sind auf den fahrenden Züge gesprungen und haben Kohle runter geworfen. Jeder nahm etwas mit nach Hause.

Mit meiner Mutter bin ich an den Hafen gegangen. Damals wurden die Kohlen per Binnenschiff angeliefert. Es waren die Firmen Klöckner, Gebrüde Hauser und Michel. Natürich fielen dabei immer Kohlen aus dem Greifer. Die haben wir aufgelesen. Da ich erst 9 Jahre war und dünne Arme hatte, konnte ich durch den Maschendraht greifen und Kohlen klauen. Meine Mutter sagte natürlich nein, aber hat sie trotzdem genommen. Ich habe, wenn ich etwas zu essen fand, schlicht und ergreifend geklaut. Bei Hunger macht das jeder. Natürlich kann man heute in der Wohlstandsgesellschaft leicht sagen, das war ein böser Bube. Aber wer leidet  heute an Hunger? Es können nur die mitreden, die so etwas erlebt haben.

Die Wände in den Häusern waren gefroren, sofern man überhaupt eine Wohnung hatte. Hunderttausende Deutsche starben in diesem Winter. an Kälte, an Hunger, auf der Flucht. Viele die noch in Kellern hausten und versuchten, irgendwie zu überleben. In der Sowjetunion starben in den Wintern 46 und 48 circa zwei Millionen Menshen direkt an der Kälte. Was ist heute?  Dem überwiegenden Teil der Menschen in Deutschland geht es gut. Es wird schon wieder über Toilettenpapier gestritten und gehanstert. 1947 gab es kaum Toilettenpapier. Wenn man Zeitungen hatte, wurden die benutzt. Es ist also absolut kein Vergleich zwischen heute und 1947. Aber Herr Kaminsky Sie hätten gar nicht so weit zurückgehen müssen. In der Grippesaison 2017/18 starben in Deutschland an dieser Krankheit über 20.000 Bürger in Deutschland. Es lebe der Unterschied."

Klaus Holzschuh
Hanau

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