„Als Männer noch nicht in Betten starben“

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Stefan Schwarz, Schriftsteller und Kolumnist, schreibt auch Theaterstücke und fürs Fernsehen. Für die ARD-Serie „Sedwitz“, beispielsweise.

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Und er hat sich den Deutschen Heldensagen gewidmet. Mit unbändiger Fabulierlust und großem Humor schildert er die moralischen Ungeheuerlichkeiten dieser Geschichten, lässt die Figuren des deutschen Sagenkreises wiederauferstehen. „Als Männer noch nicht in Betten starben“, so der Name des daraus entstandenen Werkes. Wie er zu diesem Thema steht und was die Gäste der Lesung am 26. September im Bad Orber Gartensaal erwartet, darüber spricht Stefan Schwarz in diesem Interview.

Hat Ihre Nachdichtung der Deutschen Heldensagen mit dem Ursprungswerk überhaupt noch etwas zu tun?
Stefan Schwarz: "Andersrum wird ein Schuh draus. Die allermeisten Nachdichtungen der Heldensagen, die im 19. und 20. Jahrhundert geschrieben wurden, sind maskuliner Schwulst und prüder Gouvernantenkram, die nur wenig mit dem Urstoff zu tun haben. Ich habe die Deutschen Heldensagen eher wieder näher ans Original gebracht. Eine Altphilologin war nach einer Lesung davon ganz begeistert."

Welcher der Helden ist Ihr persönlicher „Lieblingsheld“ – und warum?
Stefan Schwarz: "In den Heldensagen? Eigentlich keiner. Das sind gewaltbereite junge Männer, für die Blutvergießen der Standard der Konfliktlösung ist. Die Frauen sind nicht viel besser. Alpha-Zicken, die sich nicht den Dreck unterm Fingernagel gönnen. Es wird gemordet und vergewaltigt. Wie man das zum Traditionsstoff der deutschen Nation machen konnte, ist mir ein Rätsel. In den Heldensagen sind die Guten von heute die Bösen von morgen. Lesen Sie mal „Wieland, der Schmied“, der von seinem Entführer verkrüppelt wird und sich mit Kindermord rächt. Verteilen Sie da mal Ihre Sympathien!"

Kennen Sie einen Helden des Alltags?
Stefan Schwarz: "Meine Schwester, die an Krebs erkrankt ist und dieser Krankheit mit viel Intelligenz, Noblesse und bewunderungswürdiger Unverwüstlichkeit begegnet."

Was haben Sie selbst Heldenhaftes getan? Oder besser: Haben Sie selbst schon etwas aus Ihrer Sicht Heldenhaftes getan?
Stefan Schwarz: "Ich war ein paar Jahre alleinerziehender Vater."

Wodurch kann man aus Ihrer Sicht heute zu einem Helden werden? Was müsste jemand tun, um heute den Status eines Helden erlangen zu können?
Stefan Schwarz: "Einfach mal keine Ahnung haben und sich selbst komplett in Frage stellen. Wir leben in einem Zeitalter noch nie dagewesener Selbstgerechtigkeit, ja Selbstbesoffenheit. Heute wissen alle Bescheid, und keiner hört mehr zu. Trauen Sie sich mal, davon auszugehen, dass alles, was Sie denken und fühlen, falsch ist, und dass Ihr schlimmster Feind recht hat."

Wer war aus Ihrer Sicht der größte Held der Geschichte?
Stefan Schwarz: "Der Jesus des Thomas-Evangeliums. Ein ganz unglaublicher Rockstar, dessen einzige Botschaft ist: 'Du bist schon erlöst! Entspann dich!'"

Wird Heldentum nicht gnadenlos überschätzt?
Stefan Schwarz: "Wenn Sie imstande sind, eine offene Chipstüte vor sich auf dem Tisch zu ignorieren, dann brauchen Sie kein Heldentum. Andernfalls haben Sie heldenhafte Kämpfe vor sich. Es sei angefügt, dass offene Chipstüten nicht die letzte und nicht die kühnste Herausforderung auf diesem Planeten sind."

Was hat Sie bewogen, den Deutschen Heldensagen eine eigene Nachdichtung zu widmen?
Stefan Schwarz: "Ich wollte, dass sie wieder gelesen werden. Das ist Unterhaltungsstoff vom Feinsten und genau dafür wurden sie im Mittelalter erfunden. Das ganze phantastische Universum mit Zwergen, Riesen, Zauberschwertern und verfluchten Schätzen ist damals gebastelt worden. Die moderne Fantasyliteratur würde es ohne die Heldensagen gar nicht geben. Es ist eine tiefe Verbeugung meinerseits."

Wer kann über Ihre Nachdichtung der Deutschen Heldensagen lachen?
Stefan Schwarz: "Jeder, der sich nicht ständig fragt, ob man darüber lachen darf."

Welche Frage hätten Sie schon immer gerne in einem Interview gestellt bekommen, es kam nur noch nie jemand darauf, diese zu stellen? Und wie wäre die Antwort darauf ausgefallen?
Stefan Schwarz: "Ist Humor angeboren? Dann hätte ich geantwortet: „Nein, aber er entwickelt sich so früh, dass man es nicht richtig unterscheiden kann.“

Veranstaltet wird die Lesung von der Bad Orb Kur GmbH in Kooperation mit der Wächtersbacher Altstadt-Buchhandlung Dichtung & Wahrheit. Sie findet im Gartensaal der Bad Orber Konzerthalle statt. Tickets gibt es in der Buchhandlung Dichtung & Wahrheit, bei der Tourist-Information in Bad Orb und bei allen bekannten Vorverkaufsstellen. Und natürlich an der Abendkasse. Der Preis liegt einheitlich bei 12 Euro pro Karte (inkl. Vorverkaufsgebühren).

Foto: Stefanie Fiebrig

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