Wenn ein Sonderling über einen Sonderling schreibt...

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„Ich weiß nicht, ob man generell ein Sonderling sein muss, um einen Sonderling zu beschreiben. Aber ich bin selbst schon ein Sonderling. Wenn man einen wohlwollenden Blick auf einen Sonderling werfen will, muss man das wohl schon.“

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Christian Schulteisz lacht. Der 35jährige Schriftsteller hat einen Roman über den „Universaldilletant“ Hans Jürgen von der Wense geschrieben, ein schmales Bändchen, schön anzuschauen, vom Berenberg-Verlag mit Liebe zum Detail hergestellt. Die historische Figur Wense zeichnet sich insbesondere durch eines aus: Er ist ein Ekstatischer, einer, der die Dinge nicht nur tut, sondern sie bis zum Anschlag zelebriert. Sei es das Forschen, das Übersetzen, das Komponieren, das Wandern.

„Sie haben es sehr gut verstanden, sich in die Persönlichkeit Wense reinzudenken“, lobt am Samstag abend Andrea Sandow, die Kulturbeauftragte des Main-Kinzig-Kreises, den gebürtigen Gelnhäuser. Der Fachbereich Kultur veranstaltete die Lesung in Kooperation mit der Wächtersbacher Altstadt-Buchhandlung Dichtung & Wahrheit. Und dank der Förderung von Literaturhaus.net, das mit seinem Förderprogramm #zweiterfruehling den Autoren eine Unterstützung gibt, deren Werk im Frühjahr auf den Markt kam und pandemiebedingt nicht die Aufmerksamkeit erfuhr, die ihm gebührt. „Ich habe einige Lesungen absagen müssen, insbesondere, weil die Leipziger Buchmesse ausgefallen ist“, berichtet denn auch Schulteisz im Vorfeld seiner Lesung. Seine bislang größte Veranstaltung habe in Langenau in Baden-Württemberg stattgefunden. Ein „Blind Date mit einem Autor“, bei dem die Gäste nicht wussten, was sie erwartete.

In Gelnhausen dagegen wissen die Gäste, was auf sie zu kommt. Oder wie Andrea Sandow es formuliert, die mit mehreren Kolleginnen aus dem Kreishaus der Lesung beiwohnt: „Wir sind total begeistert.“ Die Begeisterung teilt auch Prof. Dr. Heinz Schilling, der zwar der Lesung nicht beiwohnen kann, aber seine herzlichen Grüße ausrichten lässt. „Er hat sich riesig gefreut“, erläutert Sandow. Schilling als Vorsitzender der Kulturpreisjury des Main-Kinzig-Kreises hatte 2013 die Laudatio auf Schulteisz gehalten, als dieser mit dem Förderpreis des Kulturpreises als Nachwuchsautor ausgezeichnet wurde.

Schulteisz, ein schmaler Mann mit einem dünnen Bart und einer schwarzen, dünn gerahmten Brille, schwarzgekleidet und unscheinbar, versteht es, seinen Text pointiert darzubieten. Den rechten Ellenbogen auf den Tisch gestützt, den linken Arm vor sich liegend, nimmt er die Zuhörer mit in die Welt von „Wense“, liest lebhaft, formuliert sorgfältig. Grüne und rosa Unterstreichungen in seinem Buch, grüne Klebezeichen an den Vorlesestellen – vom ersten springt der Autor ins vierte Kapitel, berichtet von dem ekstatischen Wanderer Wensen, davon, wie er unversehens in einer Sondenfabrik in der Nähe von Göttingen zum Abteilungsleiter wird und Zwangsarbeiterinnen unter sich hat. Ein aufmerksames, stilles Publikum folgt den Ausführungen, nur gelegentlich stört der Lärm der über das Kreishaus hinweg fliegenden Flugzeuge die Aufmerksamkeit.

„Wie schaffen Sie es, sich so gut in Wense hineinzufühlen?“, fragt eine Besucherin, die dabei Bezug nimmt auf die schon manische Züge annehmenden Wanderungen des Protagonisten. „Zum einen durch Vorstellungskraft, zum anderen hat er seine Wanderungen selbst beschrieben. Ich habe mit seinen Aufzeichnungen gearbeitet“, sagt Schulteisz. „Das habe ich dann verdichtet in meinem Stil wiedergegeben.“ Und zur Frage, ob die Welt noch Forscher wie Wense brauche, sagt der Schriftsteller: „Nein, braucht die Welt nicht. Aber auch keine Schriftsteller und Musiker. Es ist immer die Frage: Worauf will man die Welt reduzieren? Wenn man sie nur auf den Nutzen reduziert, bleibt nicht so viel übrig.“ Dass er zunächst „keine Lust hatte, ein Buch zu schreiben, dass zur Zeit des Zweiten Weltkriegs handelt“, verblüfft die Zuhörer. „Das ist literarisch so durchgenudelt“, so Schulteisz. „Aber mir blieb nichts anderes übrig. Wense musste da erstmals arbeiten, während er sonst immer das Leben eines Privatgelehrten führen konnte. Er betreibt keine richtige Forschung, er ist ein Liebhaber. Ein sehr widersprüchlicher Mensch.“ Der eine spannende Frage beantwortet: Wie verhält sich der scheinbare Freigeist – passt er sich an, opfert er sich selbst? „Wense war auf jeden Fall ein Opportunist.“ Für Schultheisz steht auf Nachfrage fest: „Es ist nicht mehr nötig, die Zeit des Nationalsozialismus zu kritisieren. Es reicht, sie darzustellen. Deshalb gibt es auch keinen Kommentar oder keine Stellungnahme in dem Buch.“

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