Christian Neureuther: Erfinder des Wächtersbacher Jugendstils

Brachttal
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Christian Neureuther zählt zweifelsfrei zu den Künstlern, die den Jugendstil in Deutschland nachhaltig beeinflusst und geprägt haben.

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Zahlreiche Kunstkritiker und -experten haben seine Werke in zeitgenössischen Fachzeitschriften und Modejournalen gewürdigt. Viele seiner Arbeiten wurden von bedeutenden Museen und Galerien aufgekauft und ausgestellt. Auch in Sammlerkreisen erfreuen sich die Jugendstilexponate großer Beliebtheit und stehen noch heute hoch im Kurs.

Der am 19. Januar 1868 in Untersotzbach bei Birstein geborene Keramikdesigner lebte schon früh im Brachttal. Er wohnte dort in einem "fürstlichen" Wohnhaus am Eisenhammer im Brachttaler Ortsteil Neuenschmidten. Sein Vater hatte im "Wächtersbacher Sägewerk", wie sich das Neuenschmidter Möbelwerk bis 1908 nannte, eine Anstellung als Schreiner gefunden. Am 30.10.1882 begann Christian Neureuther als Schmelzmalerlehrling in der Wächtersbacher Steingutfabrik eine 4-jährige Lehre. Der damalige Fabrikdirektor Max Rösler wurde schon frühzeitig auf sein Talent aufmerksam und schickte ihn für zwei Jahre (1886 - 1887) auf die Zeichen-, Mal- und Modellierschule von Prof. Louis Hutschenreuther nach Lichte in Thüringen. Nach dem Weggang Röslers bat Neureuther den neuen Fabrikleiter Dr. Richard König um eine weitere Fortbildung. Auch er war von Neureuthers Können überzeugt und ermöglichte ihm ein Studium an der "Königlichen Kunstgewerbeschule" in München, die damals zu den renommiertesten Ausbildungsstätten im Kunstgewerbe gehörte. 1893 kehrte Neureuther von dort mit glänzenden Zeugnissen nach Schlierbach zurück. Am 7. Mai 1897 heiratete er Emma Kraft, die Tochter des Gastwirtes (Gasthaus zum Erbprinzen) und Küfers August Kraft aus Birstein. Kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende errichtete er sein Wohnhaus im Schlierbacher Kolonieweg, wo es heute noch fast im Originalzustand zu sehen ist.

Etwa bis ins Jahr 1900 arbeitete Neureuther im historistischen Stil für die Wächtersbacher Steingutfabrik. Die Wende zum Jugendstil setzte erst mit der Umsetzung einiger Entwürfe der Professoren Josef Maria Olbrich und Hans Christiansen ein. Die erste Ausstellung der Künstlerkolonie 1901 auf der Mathildenhöhe "Ein Dokument deutscher Kunst" gab den Anlass hierfür. Neureuther kam in Kontakt mit völlig neuen Ideen für Formen und Dekore, die nichts mehr mit den floralen Motiven des vergangenen Jahrhunderts zu tun hatten. Er bewegte sich jetzt fernab dieser traditionellen Motive und widmete sich intensiv dem (geometrischen) Jugendstil. Er gründete 1901 sein "Keramisches Atelier Christian Neureuther". Zwei Jahre später wurde seine Werkstatt vollständig in die Wächtersbacher Steingutfabrik integriert. Christian Neureuther prägte von diesem Zeitpunkt an den "Neuen Stil", wie ihn Henry van de Velde im Jahr 1907 bezeichnete, in der Wächtersbacher Steingutfabrik, Schlierbach.

Der Vogelsberger Künstler Christian Neureuther sollte mit seinen Produkten noch internationale Erfolge erzielen. Sein symmetrischer Stil, der zu dieser Zeit noch keine ähnlichen Ausprägungen kannte, wurde als "Wächtersbacher Jugendstil" bekannt. Beeinflusst von den Künstlern der Darmstädter Mathildenhöhe (Prof. Joseph Maria Olbrich, Prof. Hans Christiansen, Paul Haustein, Prof. Peter Behrens etc.) erntete er mit seinen Produkten auf nationalen und internationalen Ausstellungen und Messen große Erfolge. Bei der Weltausstellung 1904 in St. Louis nimmt Neureuther mit "tiles in high fire glazings" teil. Die Steingutfabrik Wächtersbach erhält für die Arbeiten Neureuthers die "Goldene Medaille" für die Ausschmückung des Portals zum Saale für Keramik in der Abteilung für Kunsthandwerk. 1905 gewinnt die Fabrik auf der Jubiläums-Gewerbe Ausstellung in Kassel den ersten Staatspreis, die Goldene Medaille. Weitere erfolgreiche Ausstellungen folgen (z.B. Darmstadt 1905, Leipzig 1906 oder 1912 "First Modern German Applied Arts Exhibition" im Newark Museum, New Jersey, USA oder die große Werkbundausstellung 1914 in Köln). In der Werkbundausstellung in Köln werden erstmals die in der Steingutfabrik Wächtersbach hergestellten "Modedamen" der Hanauer Künstlerin Anni Offterdinger gezeigt. Dr. Eduard Berdel beschreibt in einem im Sprechsaal 1914, Nr. 46 am 12. November veröffentlichen Artikel (Überschrift: Keramik und Glas auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung Köln 1914) Neureuthers Arbeiten wie folgt: „ . . . Wiederum ist über Steingut zu berichten, denn wir folgen zwanglos dem Rundgang, wie ihn der Besucher antritt. Christian Neureuther in Schlierbach bei Wächtersbach stellt zum großen Teil eigenhändige Originalarbeiten aus, zum Teil auch solche, welche in seiner Abteilung „Neureuther“ der Wächtersbacher Steingutfabrik als Fabrikware hergestellt werden. Was oben betreffs des Zusammenarbeitens von Künstler und Techniker gesagt wurde, trifft bei Neureuther in einer Person zusammen. Besonders seine reizvollen Craquele-Techniken wirken stets von neuem wieder fesselnd auf Laien wie Fachleute. Auch die Arbeiten in Matt-, Lauf- und Lüsterglasuren sind hervorzuheben. Einige Figürchen mit lebhafter Unterglasurmalerei, Modelle der Höhrer Fachschülerin Anni Offterdinger, wollen wir nicht unerwähnt lassen. Eine große Zahl der Neureuther´schen Originalarbeiten wurden rasch für Museen und Schulen angekauft, ein Beweis dafür, wie hoch die Arbeiten dieses bekannten Kunstkeramikers in berufenen Kreisen geschätzt werden . . .“ .

Auch der zeitgenössische Kunstkritiker Dr. Heinrich Pudor beschreibt in einem Bericht über die Leipziger Michaelismesse im Jahre 1906 die Arbeiten Neureuthers exemplarisch wie folgt: » ... An erster Stelle ist da der Wächtersbacher Steingutfabrik Erwähnung zu tun, die in einer Reihe von Zimmern eine schier endlose Fülle von modernen, ästhetisch und künstlerisch in hohem Maße ansprechenden Erzeugnissen ausgestellt hatte. Besonders die neuen flockigen Glasuren aus der Abteilung Neureuther und die Blumenschalen in japanischer Art seien erwähnt. In der Tat, hier ist nun die moderne Kunstbewegung, und zwar ohne die hässlichen Ausartungen des Jugendstiles, in die Industrie eingegangen und das Ergebnis ist ein überaus zufriedenstellendes. An diese Ausstellung der Wächtersbacher Steingutfabrik auf der Leipziger Michaelismesse 1906 wird man noch lange denken müssen ...«.

Neureuther war u.a. auch Mitglied der bekannten Künstlervereinigung "Deutscher Werkbund" und führte die Wächtersbacher Steingutfabrik in Schlierbach an die Spitze der deutschen Steingutproduzenten. Das »Keramische Atelier Wächtersbach Christian Neureuther« (K.A.W.C.N.) trug wesentlich zur wirtschaftlichen Konsolidierung und dem Aufstieg des Unternehmens bei und machte die Wächtersbacher Steingutfabrik, Schlierbach weltweit bekannt. Produziert wurden in erster Linie Luxusgegenstände wie Vasen, Wandplatten, Servierbretter, Blumentöpfe und -schalen und etwa ab 1910 auch figürliche Arbeiten. Neureuthers Einfluss auf die allgemeine Produktion des Werkes war erheblich und seine Entwürfe wirkten noch bis in die Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts erfolgreich nach. Neureuther war aber nicht nur Keramiker. Seine sozialen Kompetenzen zeigte er u.a. auch als stellv. Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Schlierbach, gegr. 1904. Auch war Neureuther in der Schlierbacher Gemeindepolitik langjährig tätig.

Christian Neureuther starb am 18. Januar 1921, einen Tag vor seinem 53. Geburtstag, im "Kommunalständischen Krankenhaus" in Hanau (heute Klinikum Hanau) an Gallenblasenkrebs. Sein zuständiger Arzt war Dr. Julius Fertig, Leiter der chirurgischen Abteilung. Der Leichnam Christian Neureuthers wurde am 20.01.1921 im Offenbacher Krematorium eingeäschert. Die Grabstätte Neureuthers ist dank der Initiative des Museums- und Geschichtsvereins Brachttal e.V. auf dem Schlierbacher Friedhof erhalten geblieben. Anlässlich seines 100. Todestages wird der Verein das Andenken an Christian Neureuther mit einer kleinen Gedenkfeier auf dem Schlierbacher Friedhof würdigen. Darüber hinaus veröffentlicht der Museums- und Geschichtsverein Brachttal e.V. noch im Jahre 2021 eine etwa 400 Seiten starke Neureuther-Biografie, die zugleich auch die wichtigsten Arbeiten Neureuthers in ausschließlich farbigen Abbildungen umfasst. Nährere Informationen unter: www.brachttal-museum.de bzw. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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