Corona-Lage: Lehrkräfte befürchten Zusammenbruch des Unterrichts

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In den Schulen scheint die Eindämmung des Coronavirus noch nicht angekommen zu sein. Diesen Eindruck schildern jedenfalls die Mitglieder des Kreisvorstands der GEW-Hanau und beklagen eine mangelnde Entschlossenheit der Verantwortlichen, auch an den Schulen die Verbreitung des Virus zu stoppen. „Zu Beginn des Schuljahrs hat das Kultusministerium einen Plan vorgelegt, der bei steigenden Infektionszahlen einen stufenweisen Wechsel vom Unterricht vor Ort zur Beschulung der Kinder am häuslichen Rechner vorsieht“, erläutert Jörg Engels, Lehrer an der Albert-Einstein-Schule in Maintal und einer der beiden Vorsitzenden des GEW-Kreisverbandes in Hanau.

„Wir erleben seit mehr als einer Woche, dass der Inzidenzwert sowohl in der Stadt Hanau als auch im Main-Kinzig-Kreis deutlich über der lange Zeit als kritisch benannten Marke von 50 liegt und rasant weiter steigt. Was wir allerdings nicht erleben, ist dass man von verantwortlicher Seite beim Schulbetrieb darauf reagiert“, beklagt er. Die Gewerkschafter kritisieren insbesondere, dass bislang kein Signal von Gesundheitsamt beziehungsweise Schulamt dazu ausgegangen sei, in den Schulen der Umgebung wenigstens die sogenannte „Stufe 2“ auszulösen, einen eingeschränkten Regelbetrieb vor Ort in festen Lerngruppen, oder besser noch die „Stufe 3“, den Mischbetrieb aus Präsenz- und Distanzunterricht. Dieser allein mache es möglich, die Zahl der in der Schule anwesenden Kinder zu reduzieren und etwa durch die Teilung von Klassen die Einhaltung der Abstandsregeln auch im Unterricht zu ermöglichen.

Bislang werde allerdings verbissen am Normalbetrieb festgehalten. „Wir wissen darum, dass die Einschränkung des Schulbetriebes eine Zumutung für viele Elternhäuser darstellt und auch das Lernen der Schülerinnen und Schüler beeinträchtig. Eingeschränkter Schulbetrieb ist ebenso wenig unsere Idealvorstellung, geteilte Lerngruppen bedeuten einen immensen Mehraufwand, der auch nicht in unbezahlter Mehrarbeit münden darf. Es stellt sich uns aber die Frage, ob bis zu 30 Personen und mehr in engen und schlecht belüfteten Klassenzimmern derzeit noch länger vertretbar sind“, so Engels. Verschärfend komme hinzu, dass die Gesundheitsämter bundesweit und scheinbar auch das vor Ort zuständige in Gelnhausen jenseits der Kapazitätsgrenzen arbeiten. „Schulleitungen werden vom Gesundheitsamt angewiesen, die Kontaktpersonen zu ermitteln und somit an ihrer Stelle die Verfolgung der Infektionsketten zu übernehmen, Quarantänemaßnahmen werden nicht mehr schriftlich eingeleitet, Schulen verbleiben oft ohne Informationen darüber, wer wie lange nicht zur Schule kommen darf. Dies erleben wir an unseren eigenen Schulen oder erfahren über unsere Gewerkschafts- und Personalratsarbeit davon. Schulleitungen treten mit der Bitte um Hilfe an die Personalräte heran, weil sie von anderer Stelle ausbleibt. Das kann es doch auch nicht sein“, bemängelt Nicole Schleiff, Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Schule in Großkrotzenburg und Mitglied im GEW-Kreisvorstand.

Ganz grundsätzlich stellt sich den Gewerkschaftlern die Frage, wie lange ein Betrieb an den Schulen überhaupt noch aufrecht erhalten werden kann. „Und wir meinen hierbei nicht einmal den vollständigen Normalbetrieb“, stellt Jörg Engels klar. „Wenn die Infektionszahlen überall in Land und Kreis rapide ansteigen, dann werden sie es auch an den Schulen tun. Mit allen Folgen, mit infizierten Lehrkräften und mit solchen, die sich in Quarantäne begeben müssen. Von ganz ‚normalen‘ Erkältungsfällen im Winterhalbjahr ganz zu schweigen. Wir arbeiten jetzt schon an vielen Orten mit einer äußerst dünn gestrickten Personaldecke. Hier nicht von verantwortlicher Seite gegenüber den Eltern fair und offen zu sein und zu sagen, ‚bereitet euch darauf vor, eure Kinder am Schulvormittag vielleicht schon bald wieder teilweise oder ganz selbst betreuen zu müssen‘, können wir nicht nachvollziehen. Die Eltern haben ein Recht auf Ehrlichkeit und Offenheit! Und die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen haben ebenso wie die Schülerinnen und Schüler ein Recht auf den Schutz ihrer Gesundheit!“

Anja Saling, Lehrerin an der Adolf-Reichwein-Schule Rodenbach und Mit-Vorsitzende des GEW KV Hanau, schildert eine Situation, die auf erschreckende Weise deutlich macht, dass der Zusammenbruch des Unterrichts um so wahrscheinlicher und um so drastischer sein wird, je länger man jetzt zuwartet: „Bei uns ist gestern die nächste Klasse in die Quarantäne gegangen, gemeinsam mit ihr die Klassenlehrerin. Die Information der Eltern muss mittlerweile von der Schule komplett selbst übernommen werden. Durch den Ausfall der in Quarantäne befindlichen Kolleginnen und Kollegen kann der Unterricht nicht mehr vernünftig abgedeckt werden. Die Folge sind Modelle, die aus Flickschusterei bestehen, um irgendwie den Regelunterricht am Laufen zu halten. Teilzeitkräfte werden gebeten, mehr zu arbeiten, um das System am Laufen zu halten. Kolleginnen und Kollegen werden gefragt, ob sie gut genug gelüftet haben und wie intensiv sie mit dem infizierten (Grundschul!-)Kind Kontakt hatten, um ja nicht zu viele Personen in Quarantäne zu schicken. Hier fragt man sich wirklich, wann reagiert wird. Oder ob man so lange stur weiter machen will, bis es keine Lehrkräfte oder Kinder an den Schulen mehr gibt?“

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