Corona-Schutz an Schulen: "Es ist eine einzige Mangelverwaltung"

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Seit knapp drei Wochen erhalten Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge wieder Präsenzunterricht in vielen der 100 Schulen im Main-Kinzig-Kreis, am kommenden Montag, 18. Mai, sollen weitere Jahrgänge hinzukommen, bevor dann voraussichtlich ab dem 2. Juni wieder der komplette Schulbetrieb aufgenommen wird.

„Die Zeit ist und wird für alle nicht leicht und wir bitten daher darum, Kritik oder Missstände nicht als Zeichen der Illoyalität zu verstehen, sondern als transparente Fehlerkultur, die Missstände behebt“, erklären vor der weiteren Schulöffnung die Vorsitzenden der Kreisverbände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Main-Kinzig-Kreis. Wir haben an Ingabritt Bossert (Hanau), Herbert Graf (Gelnhausen) und Günther Fecht (Schlüchtern) einen Fragenkatalog geschickt, um ihre Sicht zur aktuellen Situation in den Schulen zu erfahren.

Welche allgemeinen Rückmeldungen erhalten Sie von den Lehrkräften/Schulleitungen über die aktuelle Unterrichtssituation? 
„Viele Lehrkräfte fühlen sich überlastet von der Anforderung, gleichzeitig den Präsenzunterricht und das Homeschooling für ihre jeweilige Klasse zu gewährleisten. Sie fühlen sich vom Dienstherren im Stich gelassen bei der Aufgabe, auf digitalem Wege ihre SchülerInnen zu betreuen und zu beschulen. Nahezu alles, was in diesem Bereich geschieht, geschieht über die privaten Endgeräte und Netzwerke der Lehrkräfte, der Arbeitgeber stellt praktisch nichts in diesem Bereich zur Verfügung. Ganz zu schweigen von den eigentlich notwendigen Fortbildungen. Viele Schulleitungen sehen sich ebenfalls von Wiesbaden im Stich gelassen, im Bereich des Main-Kinzig-Kreises auch vom Kreis als Schulträger. Sie trauen sich aber nicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie als BeamtInnen loyal zu ihrem Dienstherrn sein müssen und finanziell vom Schulträger bei Gebäudesanierungen, digitaler Ausstattung etc. abhängig sind. Was das Land betrifft, so regnen – vorzugweise abends und am Wochenende und erst nachdem man bereits den Inhalt der Presse entnehmen konnte – viele Seiten lange Schreiben des Kultusministers auf die Schulen herab und die Schulen müssen sehen, wie sie die zum Teil praxisfernen Vorgaben umsetzen. Und der Schulträger macht sich einen schlanken Fuß, sagt, die Schulen haben ja ein Budget und die Hausmeister sollen sich um die Beschaffung der für die Hygienepläne notwendigen Dinge kümmern. Die Schulleitungen bemühen sich und kaufen Masken und Desinfektionsmittel auf eigene Kosten ein. Tolle Presseerklärungen ersetzen eben nicht die konkrete Hilfe vor Ort. Wir haben Verständnis für die politischen Entscheidungsträger, wünschen uns aber Presseerklärungen, die nicht alles schönreden und so eine Erwartungshaltung schaffen, die Schule nicht erfüllen kann (Busabfahrtszeiten orientieren sich zum Beispiel weiterhin nicht an schulischen Bedürfnissen, sondern umgekehrt.).“

Sind genügend Lehrkräfte an den Schulen vorhanden?
„Da ein großer Teil der Lehrkräfte zu den sogenannten Risikogruppen gehören, sind die Kollegien stark dezimiert. Im Moment lassen sich mit der reduzierten Besatzung noch die Abschlussjahrgänge beschulen, die gerade in den Schulen sind. Aber uns ist schleierhaft, wie das funktionieren soll, wenn ab dem 18. Mai nach und nach alle wieder zur Schule gehen sollen. Die Vorstellungen des Kultusministers dazu scheinen uns sehr von Wunschdenken bestimmt zu sein. Man hätte zumindest den Abschluss der Haupt- und Realschulprüfungen abwarten können, anstatt parallel weitere Jahrgänge hinzuzuholen. Jede Schulleitung musste und muss bei geänderter Situation immer wieder binnen weniger Tage neue Pläne rund um Aufsicht, Unterricht, Notbetreuung, Vertretung, Elterninformationen etc. erstellen. Dies ist eine Belastungssituation, wie es sie noch nicht gegeben hat.“

Wie viele Lehrkräfte nehmen aufgrund einer eigenen Risikosituation derzeit nicht am Schulbetrieb teil?
„Wir können Ihnen da keine exakten Zahlen nennen, aber es kann ein Drittel bis zur Hälfte des Kollegiums betroffen sein. Wir haben auch schon von einer kleinen Grundschule gehört, an der alle, inklusive der Schulleitung, zur Risikogruppe gehören. Auch von größeren Schulen wissen wir, dass sie bereits bei der Beschulung von Abschlussklassen Probleme haben. Bei beispielsweise sieben Abschlussklassen müssen nun mindestens 14 Gruppen geschult werden. Parallel dazu wird es ab kommender Woche weitere Jahrgänge geben, die auch auf zwei oder drei Gruppen aufgeteilt werden müssen. Wie soll das gehen bei gleichzeitiger Einhaltung von Abstandsregeln und Hygieneplan?“

Wie beurteilen Sie die Situation im Schulbusverkehr?
„Das ist ein ganz eigenes Thema. Wir hören, dass das ganz und gar nicht rund läuft. Die Schulen sollen flexible Beschulungsmodelle entwickeln, aber die KVG zeigt sich in ihren Transportkapazitäten ganz und gar nicht flexibel. Das grundlegende Problem ist natürlich die Gewährleistung von Mindestabstand und Maskenpflicht. Dazu braucht es mehr Fahrten, damit nicht so viele SchülerInnen auf einmal fahren müssen, und Kontrollen in den Bussen.“

Wie sind die Hygiene-Bedingungen in den Schulen?
„Die Krise zeigt uns, wie unzureichend die Hygiene-Bedingungen an den Schulen sind. In den letzten Jahren ist der Putzdienst im Zeichen des ‚schlanken Staats‘ stark ausgedünnt und privatisiert worden. Viele Klassenzimmer haben nicht einmal ein Waschbecken; wir wissen von einer großen Schule im Kreis, in der in einem gerade renovierten großen Gebäudeteil aus Kostengründen keine Waschbecken mehr in den Klassenzimmern installiert wurden, mit der Begründung, nach Abschaffung der Kreidetafeln bräuchte man das nicht mehr.“

Ist genügend Schutzausrüstung für Schüler und Lehrkräfte vorhanden?
„Klares Nein, es ist eine einzige Mangelverwaltung. Wir wissen von einer Schule, da sollen die SchülerInnen von zu Hause Seife und Handtücher mitbringen. Die Schulleitungen bemühen sich zwar und kaufen Masken und Desinfektionsmittel auf eigene Kosten ein, aber können nicht ausreichend Masken für alle bereitstellen.“

Sind Ihnen COVID19-Fälle an den Schulen bekannt?
„Bisher nicht.“

Welche Richtlinien wurden Schulen/Lehrkräften für den Fall von erkrankten Schülern vorgegeben?
„In solch einem Fall ist das Gesundheitsamt zu informieren; dieses leitet alle weiteren Schritte in die Wege. Allerdings ist nicht geklärt, wie man mit Schülerinnen und Schülern umgeht, die von ihren Eltern als krank entschuldigt werden. Schulen sind da noch in großer Unsicherheit.“

Werden an den Schulen Tests durchgeführt?
„Davon ist uns nichts bekannt.“

Der Kreis als Schulträger hat den Schulstart als „reibungslos“ dargestellt: Wie sieht Ihre Einschätzung aus?
„Über dieses Statement des Kreises haben viele in Schulen Tätige und auch Schülerinnen und Schüler sich sehr geärgert. Besser wäre es als Schulträger gewesen zu erklären: ‚Wir tun unser Möglichstes. Bitte melden Sie uns etwaige Probleme zurück, damit wir uns gemeinsam kümmern können.‘ Stattdessen werden Probleme als Einzelfälle weggeredet. Der Kreisschülerrat hat in den Ergebnissen seiner Umfrage die Probleme, die auch Lehrerinnen und Lehrer sehen, sehr gut beschrieben. Wir hoffen, dass der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Hanau als Schulträger zukünftig entsprechend umsichtig und unterstützend agieren.“

Sind die Schulen auf die geplante Unterrichtung von weiteren Schülerinnen und Schülern in den nächsten Wochen vorbereitet?
„Die Schulleitungen und die Kollegien tun ihr Möglichstes, um diese Aufgabe zu schultern. Aber viele wissen nicht, wie das alles funktionieren soll und sind jetzt schon am Ende ihrer Kräfte.“

Müssen noch weitere Maßnahmen getroffen werden?
„Das Land Hessen und der Schulträger Main-Kinzig-Kreis müssen die Schulen in großem Maßstab mit Personal und Material konkret unterstützen. Es darf nicht passieren, dass Schulen als letztes Glied dafür verantwortlich sind, dass digitales Lernen nicht klappt oder Unterricht ausfällt, weil sie zu viele Risikogruppenangehörige unter ihren Lehrkräften haben.“

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