Kreishandwerksmeister: „Einige Betriebe sind in der Krise sehr vorsichtig“

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Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt im Handwerk. Die Zahl der offenen Lehrstellen ist zurückgegangen, weil derzeit weniger Handwerksbetriebe ausbilden wollen. Im Interview analysiert Martin Gutmann, der Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Hanau, die Situation.

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Herr Gutmann, wie stark ist das heimische Handwerk von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie betroffen?
Martin Gutmann: "Das Bauhandwerk lebt derzeit noch von den Aufträgen, die vor dem Ausbruch der Pandemie eingegangen waren. Stark betroffen von den Folgen waren logischerweise die Friseure, Messebauer und auch das Kfz-Gewerbe, wobei die Kfz-Unternehmen mit Werkstatt noch gut zu tun haben. Allerdings befürchte ich, dass wir zum Ende dieses Jahres oder zu Beginn des nächsten mit einer Flaute rechnen müssen. Es ist eigentlich immer so, dass wir die Folgen einer schwächelnden Konjunktur zeitverzögert etwa ein Jahr nach der Industrie merken. Die Erfahrung einer Pandemie ist für uns neu, niemand weiß, wie sich die Situation entwickeln wird."

Vor der Krise wurde im Handwerk massiv über Fachkräftemangel geklagt. Jetzt stellt sich das Problem ein, dass die Betriebe weniger ausbilden. Wie passt das zusammen?
Martin Gutmann: "Ich habe vor unserem Gespräch einen Blick auf unseren Lehrstellen-Radar geworfen, den ich übrigens wärmstens empfehlen kann (www.lehrstellen-radar.de): In Hanau und im Umland werden derzeit rund 1000 Ausbildungsplätze angeboten. Es gibt also noch ein Angebot. Aber es ist in der Tat so, dass einige Betriebe in der Krise sehr vorsichtig sind und eine Abschwächung der Konjunktur befürchten. Deshalb bilden sie nicht oder zumindest weniger aus."

Das wird den Mangel an Fachkräften langfristig vergrößern. Deshalb hat die Bundesregierung jetzt ein neues Programm aufgelegt, das den Unternehmen Anreize bieten soll, weiter auszubilden. Im Rahmen des Programms „Ausbildung sichern“ gibt es bis zu 3000 Euro pro Auszubildenden. Geht das in die richtige Richtung?
Martin Gutmann: "Man darf nicht vergessen: Daran hängen etliche Bedingungen. Der Betrieb muss beispielsweise unmittelbar durch die Corona-Pandemie betroffen sein, er muss nachweisen, dass er Umsatzeinbußen hatte und er muss zumindest die Zahl der Ausbildungsplätze erhalten. Das heißt, wenn jemand viel ausgebildet hat, muss er dies in gleichem Maße weiter tun. Nur wenn er einen Lehrling mehr beschäftigt als zuvor, bekommt er 3000 Euro statt 2000 Euro. Zudem übernimmt der Staat 75 Prozent des Gehalts, wenn man in der Kurzarbeit den Lehrling normal weiterbeschäftigt. Nicht zuletzt bekommt ein Betrieb für die Übernahme eines Auszubildenden von einem Insolvenzbetrieb noch einmal 3000 Euro. Das alles ist sicherlich eine Hilfe, aber gerade was die Nachweise der Bedürftigkeit betrifft auch wieder sehr bürokratisch. Von daher glaube ich, dass es durch das Bundesprogramm keinen Boom an Ausbildungsplätzen geben wird."

Die Probleme haben ja nicht alle ihre Ursache in der Corona-Krise. Schon vor Ausbruch der Pandemie war die Zahl der ausbildenden Betriebe auf 20 Prozent gesunken. Es muss also noch mehr Gründe geben als Covid-19.
Martin Gutmann: "Das größte Problem ist leider die Qualität der Auszubildenden. Viele Interessenten bringen einfach die Mindestvoraussetzungen nicht mit. Die Anforderungen sind in den vergangenen Jahren in vielen Gewerken enorm gestiegen. In Branchen wie Kfz- oder Heizung- und Sanitär muss einer nicht nur handwerklich etwas drauf haben, sondern fast ein IT-Fachmann sein. Da sind viele dabei, die bei den technologisch zunehmend anspruchsvoller werdenden Berufen nicht mehr mitkommen. Wir haben im Handwerk bereits Programme aufgelegt, um denjenigen zu helfen, die Probleme beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben, damit sie heil durch die Berufsschule kommen."

Sehen Sie dafür den Grund in der schulischen Ausbildung?
Martin Gutmann: "Wir kritisieren schon seit vielen Jahren, dass die wesentlichen Inhalten, die für die Ausbildung wichtig wären, eben Lesen, Rechnen, Schreiben, vernachlässigt werden. Da müssen wir dann während der Ausbildung nachhelfen. Das kann nicht Sinn der Sache sein. Viele Begegnungsmöglichkeiten zwischen Betrieben und Ausbildungswilligen sind durch die Coronakrise weggefallen. Beispielsweise der Tag der offenen Tür bei der Kreishandwerkerschaft, diverse Ausbildungsmessen."

Was raten Sie jungen Leuten, die jetzt noch keinen Ausbildungsplatz haben und auf der Suche sind?
Martin Gutmann: "Sie sollten sich informieren: auf dem bereits erwähnten Lehrstellenradar, aber auch auf der Homepage der Kreishandwerkerschaft Hanau, wo man ja alle Innungen findet. Die Handwerkskammer veranstaltet im Übrigen am 19. September in Wiesbaden ein Speed-Dating. Also, es gibt noch Angebote. Man kann aber auch die Betriebe gleich ansprechen, wenn man weiß, welchen Beruf man ergreifen möchte. Es ist ja immer positiv, wenn von dem Bewerber Eigeninitiative ausgeht. Da sieht der Chef gleich, dass der Bewerber auch will. Ich würde jedenfalls dazu raten, sich bei einem Innungsbetrieb zu bewerben, weil man dort definitiv eine qualitativ bessere Ausbildung erhält."

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