Konjunktur-Lage zweigeteilt, Erwartungen kaum verbessert

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Geschlossene Geschäfte, Kurzarbeit und Ausgangssperren: Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronaviren behindern derzeit die Wirtschaft massiv. Die Nachfrage der Verbraucher lahmt, ihre spontane Kauflust liegt weitgehend am Boden. Eine Folge: Die Konjunktur tritt vielfach bestenfalls nur auf der Stelle.

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Nicht nur die Gastronomie, die Hotellerie und der innerstädtische Einzelhandel leiden massiv unter den Beschränkungen des Alltags, auch immer mehr Industriebetriebe spüren die Folgen. Das ist kein Wunder: Wenn viele Kunden weniger konsumieren und, da in Kurzarbeit steckend, auch weniger Geld ausgeben können, schlägt dies nach einer Vorlaufzeit auf die vorgelagerten Wertschöpfungsketten durch. Über diesen indirekten Weg sind mittlerweile auch viele Erzeuger von Ge- und Verbrauchsgütern von der coronabedingten Nachfrageschwäche betroffen. Lediglich die Sparten Bauwirtschaft, Internethandel, einige Dienstleistungszweige sowie die exportstarken Industrieunternehmen heben sich leicht positiv von der grauen bis tiefschwarzen Bewertung einer sehr verhaltenen konjunkturellen Entwicklung ab.

Erst in den nächsten Monaten, wenn die schweren Folgen der Pandemie hoffentlich langsam überwunden sind, wird sich zeigen, wie viele Unternehmen noch die Kraft zum Aufschwung haben. Das Problem: Immer häufiger mangelt es an Eigenkapital. Es ist in den vergangenen Monaten dahin geschmolzen wie Schnee in der Sonne. Und die zugesagten Überbrückungshilfen greifen nicht immer wie erhofft. Ohne eine solide Eigenkapitaldecke leidet aber die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, die deswegen beim konjunkturellen Neustart nicht mehr mitziehen können. Ohne schnelle Abhilfe könnte der Mangel an Geld und Kreditwürdigkeit bei vielen Unternehmen den Aufschwung abwürgen. Das befürchtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern nach Auswertung ihrer aktuellen Konjunkturumfrage zum Jahreswechsel 2020 / 2021.

Noch immer ist die Wirtschaft weit entfernt vom Vorkrisenniveau Anfang 2020. Der Erholungsprozess verläuft schleppend, er wird von Rückschlägen und Phasen der Hoffnungslosigkeit begleitet. Aber sehr viele Unternehmen haben den Mut noch nicht verloren. Sie kämpfen sich nun schon seit gut zehn Monaten durch die Krise.

Derzeit bezeichnen 24,4 Prozent der Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage als „gut“. Das sind erfreuliche 5,3 Prozentpunkte mehr als im vergangenen September und 9,6 Punkte mehr als im Mai 2020, aber fast zehn Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Als „schlecht“ bewerten aktuell 31,1 Prozent der Unternehmen ihre Lage, das sind 2,5 Prozentpunkte mehr als im Frühherbst, aber immerhin 22 Punkte weniger als vergangenen Mai. Zur Erinnerung: Vor einem Jahr stuften lediglich 10,7 Prozent der antwortenden 206 Unternehmen aus allen wichtigen Branchen im Main-Kinzig-Kreis ihre Lage als schlecht ein. „Nach dem ersten Schock vor zehn Monaten sehen wir jetzt klarer: Manche Unternehmen kommen mit der neuen Lage einigermaßen gut zurecht, in Einzelfällen hilft sie ihnen sogar. Auf der anderen Seite stehen diejenigen Unternehmen, die derzeit keinen Ausweg aus der Krise finden. Hier läuft etwas auseinander, das auch grundsätzlich gesunde Unternehmen bedrohen kann“, analysiert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde. Er gibt zu bedenken, dass bei Krisen im Wirtschaftskreislauf immer die Gefahr einer Ausbreitung besteht. Quidde: „Wenn fast ein Drittel aller Unternehmen die Lage als schlecht bezeichnet, dann ist das noch nicht der Beginn einer Krise, aber es ist ein Alarmzeichen. Denn wenn die Gegenwart kein Vertrauen einflößt, dann hängt es umso mehr an der Zukunftserwartung.“

Und da liegt das zweite Problem: Bei fast einem Drittel der antwortenden Unternehmen gibt es derzeit keinen Lichtblick für den weiteren Jahresverlauf: 30,1 Prozent der Betriebe sind laut IHK-Umfrage skeptisch gestimmt. Ihnen stehen 26,8 Prozent Optimisten gegenüber. „Damit haben sich die Erwartungen seit September etwas verbessert, aber das ist in Verbindung mit der pessimistischen Einschätzung der Gegenwart nicht genug, um einen selbsttragenden Aufschwung zu erreichen“, warnt Quidde.

Der IHK-Konjunkturklima-Indikator gewichtet die Angaben der Unternehmen zu Lage und Erwartungen. Mit 95,0 Punkten schneidet diese wichtige Kennzahl zwar etwas besser als im September 2020 (91,7) und deutlich besser als im vergangenen Mai (63,4) ab, aber Anfang 2020 stand der Indikator bei 107,2, Anfang 2019 bei 120,5 und im Januar 2018 auf sensationell guten 131,9 Punkten. „Die sich 2019 langsam ankündigende Abschwächung der regionalen Konjunktur ist 2020 durch die Coronakrise massiv verstärkt worden. Schaffen wir nicht bald die Trendwende, wird auch 2021 ein Krisenjahr sein – mit schweren Konsequenzen, unter anderem für den Arbeitsmarkt, für unsere Innenstädte und für den Tourismus im Spessart“, sorgt sich Quidde.

Blick auf Branchen in Bewegung
Vorsichtig und oft auch mühsam arbeiten sich viele Industrieunternehmen aus der Coronakrise heraus. Ihre Lagebewertungen sind im Saldo weiterhin deutlich negativ und auch die Erwartungen wurden zuletzt wieder nach unten korrigiert. Die Krise ist zwar nicht überwunden, aber wenigstens dürfte es bei den wichtigen Herstellern von Vorleistungs- und Investitionsgütern dieses Jahr wieder besser laufen. Bei den Produzenten von Ge- und Verbrauchsgütern, in diese Gruppe fallen auch die krisengeschüttelten Kfz-Zulieferer, sieht es deutlich verhaltener aus. „Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Die Exporterwartungen der Industrie sind deutlich gestiegen. Aber die Nachfrage aus China kann keine Konjunkturlokomotive für uns sein. Da muss mehr geschehen“, ergänzt Quidde.

Der Handel steckt zu großen Teilen tief in der Krise – der IHK-Konjunkturklima-Indikator schafft es nur auf 90,6 Punkte, im die Innenstädte prägenden Einzelhandel sind es bloß 60 Punkte. „60 Prozent der Einzelhändler schätzen die aktuelle Lage als schlecht ein, 50 Prozent die Zukunft. Da schrillen alle Alarmglocken!“, weiß Quidde. Nur bei den Großhändlern und im Internethandel sieht es besser aus – in beiden Sparten gibt es eine nennenswerte Anzahl an Unternehmen, die regelrecht im Konjunkturboom stehen und eine Fortsetzung des guten Trends erwarten. „Das Lagebild ist gespalten: Internet-Shopping boomt, während 2020 für den schon vorher gebeutelten innerstädtischen Einzelhandel die härteste Prüfung war. Die Pandemie hat die Innenstädte weiter geleert und seine Kunde vertrieben. Das wird aber nicht besser, wenn der Online-Handel verteuert wird!“ warnt der Hauptgeschäftsführer.

Im vielfältigen Dienstleistungsgewerbe ist das Lagebild sehr uneinheitlich: Alle befragten Gastronomen schätzen die Lage als schlecht ein. Das kann mitten im Lockdown nicht verwundern. Aber wenn 46,2 Prozent ihre zukünftige Geschäftslage als „eher ungünstiger“ einschätzen, dann wird klar: Diese Branche steht vor einem großen Umbruch: Die Gastronomie liegen am Boden, nur etwas über die Hälfte der Unternehmen hofft, die Krise zu überstehen. Das Transportgewerbe hat sich auf niedrigem Niveau etwas erholt, befürchtet aber im Jahresverlauf eine weitere Verschärfung der Krise. Die Banken und Sparkassen kämpfen nach wie vor mit den niedrigen Zinsen, und sie erwarten mit Recht eine Blutspur in ihren Bilanzen, sobald Insolvenzen wieder erlaubt sind. Etwas besser gestaltet sich die Lage bei den personenbezogenen Dienstleistern, die nur geringen Schwankungen der Nachfrage kennen. Auch die Firmen, die anderen Unternehmen zuarbeiten, halten sich derzeit noch recht solide.

Was sonst noch auffällt
Die Unternehmen haben im Verlauf der Krise ihre Investitionen zurückgefahren. Dies dürfte mit kleinen Korrekturen vorerst so bleiben. Wenn investiert wird, dann vor allen in Rationalisierungen und in den Ersatzbedarf. Wenn so gut wie gar nicht in die Kapazitätsausweitung (6,3 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten und 0,0 Prozent bei den Ge- und Verbrauchsgüterproduzenten) investiert wird, bleibt nicht viel Raum für einen Aufschwung. „Aber selbst in diesen schweren Zeiten leuchtet ein Hoffnungsschimmer der Marktwirtschaft: Der Anteil der Investitionen, die für Produktinnovationen getätigt werden, liegt mit 62,5 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten hoch und kommt selbst im schwer getroffenen Gastgewerbe auf 16,7 Prozent. Das hilft nicht heute und nur wenig morgen, ist aber die Grundlage für ein besseres Übermorgen“, freut sich Quidde.

In vielen Branchen wird es dieses Jahr keine nennenswerten Neueinstellungen geben. Der Arbeitsmarkt wird von der Coronakrise zunehmend erfasst. Ende Dezember 2020 waren bei der Agentur für Arbeit Hanau insgesamt 12.650 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet, 3.473 mehr als am Stichtag vor einem Jahr. Die Lage ist nicht leicht zu überblicken, weil die aktuellen Zahlen zur Kurzarbeit noch nicht vorliegen. Im August 2020, weit vor dem zweiten Lockdown, hatten im Main-Kinzig-Kreis 1.482 Betriebe Kurzarbeit für 11.330 Beschäftigte beantragt.

Gespalten ist die Lage auch bei den Finanzen: Immerhin 54,7 Prozent der Unternehmen können bislang keine negativen Folgen feststellen. Leider sehen dies die anderen 45,3 Prozent anders! Rund ein Fünftel dieser Teilmenge kämpft mit Liquiditätsengpässen; fast ein Viertel verzeichnet einen substanziellen Verlust an Eigenkapital und ein Sechstel erwartet mehr Forderungsausfälle. Bisher klagen aber nur 4,9 Prozent der Unternehmen über einen erschwerten Zugang zu Fremdkapital und nur 4,4 Prozent sehen sich unmittelbar vor der Insolvenz (Mehrfachnennungen waren bei dieser Frage möglich). Je nach Branche sehen die Angaben sehr unterschiedlich aus, aber selbst in der arg gebeutelten Gastronomie befürchten derzeit nur 15,4 Prozent der Unternehmen eine Insolvenz. „Angesichts der ernsten Gesamtlage sind das verhältnismäßig gute Werte. Das ist auch ein Verdienst der staatlichen Hilfsprogramme. Sie haben 2020 mitgeholfen, das finanzielle Ausbluten zu verhindern. 2021 kommt es darauf an, sie für die Unternehmen verlässlicher und mit längerfristiger Perspektive zu gestalten – und sie dann behutsam, aber konsequent auslaufen zu lassen, um die Staatsfinanzen nicht noch stärker zu belasten und damit die Steuerzahler,“ betont Quidde.

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