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Themenabend: „Bevölkerungsschutz. - Wenn im Landkreis nichts mehr geht“

Themenabend: „Bevölkerungsschutz. - Wenn im Landkreis nichts mehr geht“

Oberst a.D. Michael Mittelstädt, ehemaliger Referatsleiter im Verteidigungsministerium (Hybride Bedrohungen), ist Experte für Gesamtverteidigung/ Comprehensive Defence, Defence Logistics&SCM, Defence Procurement&Production, Economic Defence, Mission Verteidigungsfähigkeit: Gesamtgesellschaftlich-Gemeinsam, ist weiterhin spezialisiert auf die Themen Bevölkerungsschutz, Zivilschutz, Bundeswehrlogistik, Defence Logistics, Supply Chain Management, Resilienz und Gesamtverteidigung.

Er referiert bei den Europa Akademien Schlüchtern und Hessen am Dienstag, den 16.6.2026 ab 19 Uhr im KUBE (Lotichiusstr. 38) in Schlüchtern zum Thema Resilienz und Bevölkerungsschutz. Zeitenwende nannte es Olaf Scholz 2022im Bundestag. Die Politik warnt vor Krieg und der Verteidigungsminister mahnt uns zur „Kriegstüchtigkeit“ - aber Deutschland hat kaum Schutzräume. Bunker, Sirenen, verzahnte Gesamtkonzepte in der technischen Infrastruktur. Ein Schreiben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz fordert alle 11.000 Kommunen auf, bis allerspätestens Ende 2026 potenziell bunkerfähige Räume zu melden. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Die Vorbereitung bleibt dramatisch mangelhaft. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine Debatte zurückgebracht, die in Deutschland lange als erledigt galt: den Zivilschutz. Luftschutzbunker, Schutzräume und Sirenen galten als Relikte des Kalten Krieges. Heute zeigt sich: Das Wegsehen war ein teurer Irrtum.

Die Kommunen sind aufgefordert, bis spätestens Ende 2026 mögliche Schutzräume zu identifizieren und zu melden – von Kellern öffentlicher Gebäude bis zu Tiefgaragen und unterirdischen Bahnhöfen. 2007 wurde das öffentliche Bunkersystem politisch beerdigt: Investitionen stoppten, Anlagen wurden aufgegeben, verkauft oder umgenutzt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Von ehemals rund 2.000 öffentlichen Schutzanlagen sind nur noch etwa 500 vorhanden, einsatzfähig ist davon nur ein Bruchteil. Schutzplätze gäbe es im Ernstfall für deutlich weniger als 100.000 Menschen bei 85 Millionen Einwohnern. Schutzräume fehlen – und niemand weiß, wohin. Selbst diese geringe Zahl an Schutzplätzen ist bislang nur Theorie. Viele Kommunen stehen vor der Aufgabe, erstmals systematisch zu prüfen, welche Räume sich überhaupt eignen. Keller von Schulen, Rathäusern, Kirchen oder Kindertagesstätten, Tiefgaragen, Tunnel und U-Bahnstationen. Bis März 2026 sollen Kommunen mit der Erfassung beginnen, bis Ende des Jahres soll ein bundesweites Verzeichnis mit geeigneten „öffentlichen Zufluchtsräumen“ stehen. Danach soll die Bevölkerung über Apps informiert werden, wo der nächstgelegene Schutzraum liegt. Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es Schutzplätze für nahezu jeden Einwohner – ein System, das in Deutschland völlig fehlt. Ohne funktionierende Strukturen nützt kein Bunker, Zivilschutz besteht nicht nur aus Beton. Entscheidend sind funktionierende Abläufe: klare Meldeketten, geschultes Personal und eingespielte Krisenreaktionen. Genau hier liegt eines der größten Defizite. In sehr vielen Kommunen gibt es keine festen Zuständigkeiten für Bevölkerungsschutz. Ehrenamtliche Strukturen sind kaum aufgebaut. Dabei zeigt die Praxis: Ohne freiwillige Helfer, Organisationen, Handwerker und Koordinatoren ist eine Krisenbewältigung unmöglich. Einige Kommunen haben begonnen, Ehrenamtliche systematisch einzubinden und auszubilden. Doch das bleibt bislang die Ausnahme – nicht die Regel. Am Akademieabend wird die um zwei Bürgermeister, die Amtsleitung Bevölkerungsschutz Landratsamt MKK, Vertreter der Hilfsorganisationen auf dem Podium im KUBE erweiterte Runde Aufschluss geben über den Stand der Dinge, die z.B. die Herausforderungen Koordination, Krankenversorgung, Strom, Brandschutz, Sirenen, Barrierefreiheit usw. darstellen. Moderne Schutzräume müssen belüftet, versorgt und erreichbar sein. Sie benötigen Strom, sanitäre Anlagen, Notstromversorgung und Barrierefreiheit. Gleichzeitig muss die Bevölkerung im Krisenfall überhaupt informiert werden. Warn-Apps helfen nur solange Strom und Netze funktionieren. Bei längerem Ausfall bleiben nur Sirenen und Lautsprecherfahrzeuge. Aber auch hier zeigt sich der Investitionsstau:

Für eine flächendeckende Sireneninfrastruktur allein wären hunderte Millionen Euro nötig. Experten beziffern den notwendigen Investitionsbedarf für einen funktionierenden Zivilschutz in Deutschland auf rund 30 Milliarden Euro. Kommunen können diese Summe nicht aufbringen. Insofern ist die Ankündigung vom Innenministerium Dobrindt am 20. Mai, 10 Milliarden bis 2030 in Zivilschutz zu investieren, zumindest ein Anfang und das Thema bestimmt zunehmend medial das agenda setting. Ehrenamtlicher Zivilschutz ist eine freiwillige Aufgabe, während kommunale Haushalte fast vollständig durch Pflichtaufgaben gebunden sind. Der Zustand des Zivilschutzes in Deutschland ist das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung. Das BBK-Schreiben an die Gemeinden ist ein Startschuss. – aber noch lange kein funktionierender Schutz. Alles andere bleibt Symbolpolitik. Und die schützt im Ernstfall niemanden. Vielleicht sollten wir genau deshalb ein paar Milliarden in Deutschland investieren, bevor wir Skigebiete, Fahrradwege und neuen Wohnraum auf der ganzen Welt finanzieren. Reservierung empfohlen unter info@eas-mkk.de an Thomas-Otto Schneider, Europa Akademien Schlüchtern.

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