Der Besuch richtete sich an die C-Klassen, A-Klassen sowie ausgewählte B-Klassen des Jahrgangs 9 und wurde im Vorfeld im Gesellschaftslehreunterricht intensiv vorbereitet. Besonders für die C-Klassen ergab sich ein direkter Anknüpfungspunkt, da sie erst in der Woche zuvor auf Abschlussfahrt in Berlin waren und dort bereits politische Institutionen kennengelernt hatten.
Zu Beginn stellte der stellvertretende Schulleiter Thomas Kurz den Gast vor. Er verwies auf Al-Wazirs politischen Werdegang: vom langjährigen Mitglied der Grünen seit 1989 über seine Zeit als stellvertretender Ministerpräsident Hessens bis hin zu seiner aktuellen Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter seit Februar 2025. Um Politik anschaulich zu erklären, zog Kurz einen Vergleich: 630 Abgeordnete vertreten im Bundestag die Interessen von rund 83 Millionen Menschen in Deutschland. Damit wurde den Schülerinnen und Schülern verdeutlicht, wie politische Mitbestimmung organisiert ist.
Im Anschluss entwickelte sich eine lebendige Fragerunde, die von Klassenlehrer Mario Puth moderiert wurde. Die Schülerinnen und Schüler zeigten großes Interesse und stellten vielfältige, teils sehr differenzierte Fragen. Inhaltlich machte Tarek Al-Wazir deutlich, dass es für ihn selbstverständlich sei, Einladungen von Schulen anzunehmen. Als gewählter Vertreter habe er die Aufgabe, sich den Fragen der aller Bürgerinnen und Bürger zu stellen, somit auch der jungen Generation. Ein wichtiges Thema war unter anderem seine Einschätzung der AfD. Al-Wazir betonte, dass Demokratie bedeute, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und zu akzeptieren, solange sie sich im Rahmen der Verfassung bewegen. Gleichzeitig verwies er darauf, dass die AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft werde, da sie grundlegende Prinzipien wie die Gleichheit aller Menschen infrage stelle. Die Einordnung politischer Parteien müsse jedoch letztlich von den Bürgerinnen und Bürgern selbst reflektiert werden.
Im Hinblick auf die Aufgaben von Politikerinnen und Politikern erklärte er das Zusammenspiel von Parlament, Regierung und Opposition: Gewählte Abgeordnete beschließen Gesetze, die Regierung setzt diese um, während die Opposition eine kontrollierende Funktion übernimmt. Dieses Prinzip gelte auf Bundes- wie auch auf kommunaler Ebene.
Auf persönliche Fragen eingehend erläuterte Al-Wazir seine Motivation für die Grünen. Entscheidend seien für ihn Werte wie Umwelt- und Klimaschutz sowie die Rechte von Minderheiten. Er betonte, dass politische Arbeit ohne Kompromisse nicht funktioniere und eine Partei zwar gemeinsame Grundwerte habe, aber nie alle eigenen Überzeugungen vollständig widerspiegele.
Zur Diskussion um eine mögliche Wehrpflicht äußerte er sich offen für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle jungen Menschen, bei dem zwischen Wehr- und Zivildienst gewählt werden könne. Probleme wie die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn führte er vor allem auf jahrelange Investitionsdefizite zurück, deren Aufarbeitung Zeit benötige.
Mit Blick auf die Arbeit der aktuellen Bundesregierung stellte er klar, dass politische Entscheidungen häufig unter schwierigen Rahmenbedingungen getroffen werden müssen. Veränderungen in der internationalen Sicherheit, Energieversorgung oder im Welthandel stellten die Politik vor große Herausforderungen. Gleichzeitig warnte er davor, im Wahlkampf unrealistische Versprechen zu machen, da dies langfristig zu Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger und somit zu einem Vertrauensverlust führen könne.
Warum viele Probleme oft erst spät angegangen werden, erklärte Al-Wazir mit der politischen Realität: Notwendige Veränderungen seien häufig mit unangenehmen Konsequenzen verbunden, die sowohl Parteien als auch Wählerinnen und Wähler scheuten. Erst wenn der Leidensdruck groß genug sei, entstünden tragfähige Kompromisse. Auch der Israel-Palästina-Konflikt wurde thematisiert. Al-Wazir betonte, dass eine dauerhafte Lösung nur möglich sei, wenn beide Seiten das Existenzrecht des jeweils anderen anerkennen. Als positives Beispiel für Versöhnung verwies er auf die heutige, enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich nach jahrzehntelanger Feindschaft.
Zum Abschluss richtete er einen persönlichen Appell an die Schülerinnen und Schüler. Da sie in einem Land mit außergewöhnlich vielen Chancen und Möglichkeiten leben, sollten sie diese auch nutzen und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Dass Gesellschaft nur funktioniere, wenn alle gemeinsam dazu beitragen etwas zu verändern oder zu verbessern, war eine zentrale Botschaft, die Al-Wazir den Jugendlichen deutlich machte.
"Der Besuch wurde im Anschluss im Unterricht reflektiert und nachbereitet und bot den Jugendlichen eine wertvolle Gelegenheit, Politik aus erster Hand zu erleben und kritisch zu hinterfragen. Der Austausch mit Tarek Al-Wazir zeigte eindrucksvoll, wie lebendig politische Bildung sein kann, wenn junge Menschen die Möglichkeit erhalten, direkt mit Entscheidungsträgern ins Gespräch zu kommen", heißt es abschließend aus der Schule.
Bericht und Bilder: Julia Hiekel






