Den NABU erreichen deshalb immer wieder Anfragen von besorgten Tierfreund*innen, die scheinbar verlassene Jungvögel entdecken. „Unser Rat lautet immer: Erst länger beobachten, dann zur Not eingreifen. Die unerfahrenen und im Fliegen noch ungeübten Vogeljungen wirken auf den ersten Blick oft hilflos. Sie aufzunehmen, ist jedoch meist falsch verstandene Tierliebe“, erklärt Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU Hessen. Der Ornithologe rät: „Lassen Sie die halbflüggen, befiederten Jungvögel erst einmal sitzen. Sollte nach mehreren Stunden kein Elternvogel auftauchen, kann es sein, dass sie tatsächlich verlassen sind und Hilfe brauchen.“
Eltern füttern Jungvögel weiter
Damit keine Jungvögel mitgenommen werden, die topfit und nur gerade dabei sind, sich selbstständig zu machen, stellt der NABU-Vogelexperte Bernd Petri klar: „Das herzzerreißende Rufen von scheinbar verlassenen Jungvögeln in Gärten und Parks sind keine Hilfe-, sondern Bettelrufe. So halten die Vogeljungen Kontakt zu ihren Eltern. Sie halten sich in der näheren Umgebung ihres Nests auf und werden dort von den Altvögeln einige Zeit lang weiter gefüttert.“ Greift der Mensch in dieser sensiblen Phase ein, unterbricht er die Bindung zwischen Alt- und Jungvogel. Nur wenn Jungvögel an gefährlichen Orten wie Straßen und Gehwegen sitzen oder akut von Katzen bedroht sind, sollte man sie vorsichtig aufheben und ins nächste Gebüsch setzen. Anders als bei Rehkitzen nehmen Vogeleltern ihre Jungen wieder an, wenn diese von einem Menschen berührt wurden.
Hilfe nur im Notfall nötig
„Wer helfend eingreifen will oder muss, sollte sich immer bewusst sein, dass Jungvögel Wildtiere sind, denen nur in einem Notfall geholfen werden darf. Ansonsten wäre dies ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz“, erläutert Petri. Denn laut Bundesnaturschutzgesetz dürfen Jungvögel nur vorübergehend und nur dann aufgenommen werden, wenn sie verletzt oder krank, und somit tatsächlich hilflos sind. Petri weist darauf hin, dass Jungvögel, die mit nach Hause genommen werden, selbst bei fachgerechter Pflege deutlich schlechtere Überlebenschancen haben als in der freien Natur.
Naturnaher Garten für Vögel
Wer Gartenvögeln helfen möchte, ihre Jungen erfolgreich aufzuziehen, der sollte auf einen gut strukturierten, naturnahen Garten mit reichlich natürlichen Futterquellen achten. In trockenen Jahren stellt eine Wasserquelle ebenfalls eine Erleichterung für die Vogeleltern dar. Hier gilt es aber, täglich das Wasser zu wechseln und auf die zu Hygiene achten. Verstecke in Stauden oder dichtes Gebüsch bieten sichere Rückzugsorte vor Greifvögeln und Katzen. Wer Katzen hält, sollte diese, wenn im Spätfrühling warnende Altvögel und ausgeflogene Jungvögel zu beobachten sind, nicht nach draußen lassen. „Zumindest sollten Sie drauf achten, dass sich Ihre Katze von bis Mitte Juli in den Morgenstunden nicht im Freien aufhält. Damit wäre den Vögeln schon sehr geholfen, denn dann sind die meisten gerade flüggen Jungvögel unterwegs“, rät Petri.
Nestlinge und Ästlinge unterscheiden
Eine hilfreiche Faustregel zu Jungvögeln: „Nestlinge“, also Jungvögel ohne Federkleid, oder nur mit leichtem Flaum, die noch nicht aktiv auf ihren Füßen stehen können, sind außerhalb des Nestes hilflos. Sie sollten schnellstmöglich zurück ins Nest und nur, wenn das nicht möglich ist, in eine Vogelpflegestation gebracht werden. „Ästlinge“, also komplett befiederte Jungvögel, die bereits aktiv auf ihren Füßen stehen können, werden von ihren Eltern auch außerhalb des Nestes versorgt und sollten nur mitgenommen werden, wenn sie sichtbar verletzt sind. Adressen von staatlich anerkannten Auffang- und Pflegstationen können bei den Naturschutzbehörden den Landkreisen oder Regierungspräsidien erfragt werden. Die Betreiber*innen der Auffang- und Pflegestationen sind in der Regel ehrenamtliche Arten- bzw. Tierschützer*innen, die sich in Ihrer Freizeit um verletzte Tiere kümmern und nur über begrenzte Kapazitäten verfügen. Ein Anspruch auf Aufnahme der Tiere besteht daher nicht.



